Bis zu fünf Meter Luftstand bei 120 Stundenkilometern - die Kamelbuckel auf der Grödener Saslong sorgen alle Jahre wieder vor Weihnachten für ganz speziellen Nervenkitzel bei den alpinen Rennfahrern. Für einen Doppelweltmeister sind die legendären Sprünge sogar die allergrößte Herausforderung im Ski-Zirkus, noch vor Kitzbühel: "Die Kamelbuckel sind für mich die schwierigste Passage im Weltcup", bekannte Vincent Kriechmayr einmal. "Ich habe bei der Mausefalle weniger Respekt als bei den Kamelbuckeln, weil wenn du bei dem Tempo einen Fehler machst - bei dem Luftstand..."

Doch hoch sind beim Südtiroler Speedklassiker nicht nur diese drei Hügel, hoch hängen auch die Trauben für die rot-weiß-roten Ski-Asse, was Erfolgserlebnisse auf der Saslong betrifft. Vorbei die Zeiten von Franz Klammer (mit vier Abfahrtssiegen gemeinsam mit Christian Ghedina Rekordsieger) und Michael Walchhofer (je zwei Mal Gewinner von Abfahrt und Super G) - denn in den vergangenen zehn Jahren gab es genau zwei Mal Grund zum Jubeln für die Österreicher: 2016 beim Abfahrtssieg von Max Franz, 2019 beim Super-G-Triumph von Kriechmayr. Als die norwegischen Meisterschaften mit internationaler Beteiligung kurz unterbrochen schienen - denn Aksel Lund Svindal, Kjetil Jansrud und Aleksander Aamodt Kilde triumphierten im selben Zeitraum gleich elf Mal.

Beim Super G am heutigen Freitag (11.45 Uhr/ORF 1) haben Kriechmayr und Co. aber die Chance, die schlechte Bilanz der vergangenen Jahre aufzupolieren. Allerdings kämpfen just die beiden heimischen Gröden-Sieger heuer noch mit der Formkurve. Kriechmayr, der Super-G-Dominator der Vorsaison mit WM-Gold und Kristallkugel, war nach Platz zwei in der Lake-Louise-Abfahrt nicht mehr auf dem Stockerl; Franz war nach seinem fünften Rang ebendort sogar kein Top-20-Resultat mehr vergönnt. Doch der Klassiker soll nun beide wieder in die Erfolgsspur zurückführen. "Ich fühle mich sehr wohl hier", bekannte etwa der Kärntner Franz. "In Lake Louise hat alles zusammengepasst. Ich habe richtig Gas geben können. In Beaver Creek hat es noch gut angefangen, aber in den Rennen bin ich dann nicht mehr zurechtgekommen", sagte Franz, der in Colorado zwei Ausfälle fabrizierte und in der Abfahrt nicht über Rang 25 hinauskam. Schuld seien Probleme mit dem Setup gewesen, es sei "ein Kampf mit mir selber" gewesen. "In Lake Louise habe ich attackieren können und eine brutale Freude beim Fahren gehabt", erzählte der 32-jährige Routinier.

"Gute Stoßdämpfer nötig"

Positiv ist freilich, dass sein in der Vorbereitung angeknackster Rücken praktisch keine Probleme mehr bereite. "Es hat sich beruhigt beim Fahren. Am Nachmittag spüre ich ein leichtes Ziehen, aber das werden wir auch hoffentlich noch wegbringen", meinte Franz, der aus 2017 einen zweiten Rang im Gröden-Super-G zu Buche stehen hat. Auch in den darauffolgenden zwei Jahren lächelte er als Dritter beziehungsweise Zweiter der Abfahrt aus dem Siegerfoto. "Du hast oben ein Gleitstück, das man gut mitnehmen muss. Die Ciaslat ist etwas Besonderes, wo du gute Stoßdämpfer brauchst, heuer besonders gute", beschreibt der Weißbriacher seine Lieblingsstrecke im Weltcup. "Aber es ist auch das ganze Drumherum. Du hast hier irgendwie überall ein bisschen mehr Zeit. Nach der Besichtigung kannst du zurück ins Hotel, es ist alles sehr familiär da."

Anders als im Vorjahr, als geschnitzte Holzfiguren die Kulisse bildeten, dürfen dem Klassiker heuer wieder Fans beiwohnen - laut Behörden dürfen 75 Prozent der Ränge besetzt sein. Vielleicht beflügelt das auch Kriechmayr, der in den USA mit zwei Mal Super-G-Rang fünf deutlich hinter seinen eigenen hohen Ansprüchen blieb. "Derzeit geht es noch nicht schön von der Hand. Wenn es läuft, dann läuft’s. Wenn es nicht läuft, läuft es halt nicht", sprach der Mühlviertler - und wandelte damit den berühmten Spruch seines früh verstorbenen Landsmannes Rudi Nierlich ab. "Es muss ein bisschen einfacher ausschauen. Ich muss mich schon am Limit bewegen, aber ein bisschen mehr Gefühl in die ganze Sache reinbringen. Wenn mir das gelingt, glaube ich, dann kann ich vorne mitfahren. Aber da herunter ist es nicht so einfach für mich." Zumindest in der Gröden-Abfahrt - denn Kriechmayrs bestes Ergebnis 2015 war just bei seinem Saslong-Renndebüt ein siebenter Rang. Doch für heuer verlangt der 30-Jährige mehr von sich selber: "Es ist zwar keine Abfahrt, die mir liegt, aber das spielt keine Rolle. Wenn ich vorne mitfahren will, muss mir das liegen."

Was zeigt Matthias Mayer?

Formmäßig zählt aus der ÖSV-Speedequipe aber wohl Matthias Mayer zum absoluten Favoritenkreis. Der zweifache Olympiasieger führt nach seinem Sieg in Lake Louise die Weltcup-Abfahrtswertung mit 180 Punkten vor Kilde (129) an. Doch Gröden ist auch seine Strecke nicht, verunglückte der Kärntner doch 2015 schwer, und er stand erst ein Mal am Stockerl - 2017 im Super G.