Weltmeister Stefan Kraft hat zum Ausklang des alten Jahres eine bittere Premiere erlebt. Erstmals bei der Vierschanzentournee verpasste der Gesamtsieger 2014/15 die Qualifikation für den Bewerb der Top 50, in Garmisch-Partenkirchen reichte es zu Silvester unter 77 Konkurrenten nur zu Rang 59. 119,5 m waren für den Aufstieg einfach um ein paar Meter zu wenig, der deutsche Qualifikationssieger Markus Eisenbichler war zwei Nummern davor bei schlechterem Wind auf 137 m gekommen.

Kraft fand sich an diesem Freitag gar nicht zurecht. In den beiden Trainingssprüngen war er zu Mittag auf 102,5 und 115,5 m gekommen, für einen Athleten mit seinen Qualitäten viel zu wenig. "Ich bin sprachlos, es war ein rabenschwarzer Tag", sagte der am Boden zerstörte Kraft zur Austria Presse Agentur. "Dass ich drei Sprünge hintereinander so weit weg bin, hat es noch nie gegeben. Ich bin sprachlos, dass es so schnell gehen kann. Es war einfach schlecht, ich bin ratlos."

"Es nichts rausgekommen."

Noch vor der Analyse mit dem Trainerteam machte der Salzburger ein Manko in der Anfahrtsposition aus. "Da ist ein falsches Gefühl da. Ich glaube, ich bin auf Zug, bin es aber nicht und will das über den Sprung aufholen. Aber es nichts rausgekommen." Trotz der beiden Abstürze im Training sei er überzeugt in den Qualifikationssprung gegangen. "Das Körpergefühl hat sich dann auch gut angefühlt. Ich habe probiert, alles anders zu machen, aber das hat auch nichts gebracht."

Garmisch war schon davor keine von Krafts Parade-Schanzen gewesen, in den vergangenen vier Jahren war er nie besser als 13. gewesen. Sein Top-Resultat hatte er da 2017 als Dritter gehabt. Erklären könne er sich das freilich nicht. "Diesen Sommer hatte ich da meine besten Sprünge." Für den Neujahrstag zog der 28-Jährige in Erwägung, sich auf der Schanze in Seefeld mit ein paar Sprüngen ein gutes Gefühl für den Wochenbeginn auf dem Bergisel zu holen. Das sollte noch besprochen werden.

Spezialprogramm für Innsbruck

Dass er nun beim Neujahrsspringen nur Zuschauer sei, tue seinem "Sportlerherz sehr weh. Ich werde den Kopf aber nicht in den Schnee stecken und in Innsbruck wieder voll angreifen." Auf ÖSV-Cheftrainer Andreas Widhölzl und sein Team wartete jedenfalls die Aufgabe, seinen besten Mann wieder aufzurichten. "Wir werden ein Spezialprogramm machen und schauen, dass er für Innsbruck wieder fit ist", verriet der Tiroler. "Dass es ihn so erwischt hat, ist aber natürlich bitter."

Krafts Absprung sei noch in Ordnung gewesen, so Widhölzls Analyse. "Aber er ist dann extrem nachgegangen und hat den Sprung über dem Vorbau zerstört." Man dürfe Kraft aber auf keinen Fall abschreiben. "Man muss es als Champion nehmen wie es ist", riet Widhölzl. "Aber er kann in kürzester Zeit wieder da sein und gewinnen. Das ist die große Kunst auch von uns im Betreuerteam, dass wir uns darüber den Kopf zerbrechen und gemeinsam etwas finden, damit er wieder in die Spur kommt." 

"Entgegen dem Gefühl"

Mario Stecher sprach das Mentale an. "Skispringen ist eine nur mit dem Kopf zu bewältigende Sportart. Wenn man ein bisschen entgegen dem Gefühl arbeitet, wird es ganz schwierig. Das ist Stefan passiert", sagte der Sportliche Leiter. "Das Schöne ist, dass man genauso ganz schnell wieder vorne sein kann. Das hoffen wir für ihn und für uns vom Österreichischen Skiverband. Wir sind gefragt, dass wir ihn herausziehen. Stefan ist so ein großer Sportler mit so viel Können, dass das relativ schnell gehen wird."

Das vermutet auch Karl Geiger, Führender im Gesamt-Weltcup sowie Dritter der Qualifikation. "Er ist erfahren und stark genug, dass er das in Innsbruck wieder wegsteckt", sagte der Oberstdorfer. "Aber speziell für den Krafti ist es mega-bitter, weil er eigentlich in einer guten Form ist, auch wenn die Sprünge nicht ganz so stabil sind. Aber es ist manchmal wie verhext, speziell in Garmisch. Wenn da noch ein bisschen Rückenwind ist, dann bist du draußen, bevor du noch in den Wettkampf gestartet bist. "

Für den Rest der ÖSV-Equipe lief es nach der Enttäuschung von Oberstdorf hingegen gut bis sehr gut. Jan Hörl setzte sich mit einem 138-m-Sprung auf Rang vier, Daniel Tschofenig und Manuel Fettner brachten 135 und 138,5 m auf die Positionen sieben und acht. Dem Oberstdorf-Achten Daniel Huber reichten 131 m zu Platz 18, Philipp Aschenwald wurde 21., Ulrich Wohlgenannt 31. (jeweils 128,5). Hinter Eisenbichler kamen der japanische Oberstorf-Sieger Ryoyu Kobayashi (134) und eben Geiger (135,5).   (apa)