Der Sljeme ist mit seinen lediglich 1.030 Höhenmetern zwar nicht der höchste Berg Kroatiens, aber dennoch wohl einer der geschichtsträchtigsten. Heute ist die Erhebung nördlich der Hauptstadt Zagreb den meisten wegen der Ski-Weltcups der FIS, die seit 2005 (Damen) beziehungsweise 2008 (Herren) kurz nach Neujahr auf seinen bewaldeten Hängen ausgetragen werden, ein Begriff. Am Dienstag (12.30/16.05 Uhr/ ORF 1) geht die nach der kroatischen Ausnahmeskifahrerin Janica Kostelic benannte Snow Queen Trophy - die Herren starten erst am Mittwoch - in ihr 15. Jahr. Nur zwei Mal, 2014 und 2016, mussten die Rennen aufgrund von Schneemangel abgesagt werden.

Dabei galt der Bärenberg, wie der Nationalpark und das Skigebiet rund um den Sljeme genannt werden (kroatisch: Medvednica), mit Blick auf die Schneesicherheit dereinst als verlässlich. Davon zeugen nicht nur meteorologische Aufzeichnungen, sondern auch die Tatsache, dass der Sljeme zu den ältesten Wintersportgebieten des bis 1918 noch zu Ungarn gehörenden Königreichs zählte. Dort, wo sich im 19. Jahrhundert noch Amateurrodler und lufthungrige Wanderer aus der Hauptstadt tummelten und auch eine 1870 errichtete Aussichtsplattform - die erste ihrer Art im Land - der feinen Gesellschaft ein Ausflugsziel bot, finden sich heute (neben einem Fernsehturm) ein Sessellift, zwei Schlepplifte sowie vier Kilometer Piste, wobei zwei davon - Crveni spust und Bijela livada - als Nachtpisten dienen.

Dass Schnee Mangelware ist, wurde den Organisatoren auch in diesem Jahr bewusst. Trotz schwierigster Bedingungen, hervorgerufen durch rekordverdächtig milde Temperaturen, gelang es, die Pistenbänder des sonst grünen Bärenbergs so weit künstlich zu beschneien, sodass die Slalomrennen wie geplant stattfinden können. Aber auch die wenigen übrigen Skigebiete Kroatiens, etwa in der Region Kvarner (zwischen Rijeka und Plitvicer Seen), können von einem gänzlich witterungsunabhängigen Winterbetrieb nur träumen - und dies, obwohl einige Skiorte auf bis zu 1.000 Meter Seehöhe liegen und Schneekanonen betreiben. Die besten Voraussetzungen bietet das Resort Platak unweit der Hafenstadt Rijeka. Auf 1.100 Höhenmetern laden fünf Lifte sowie sieben Pisten mit einer Gesamtlänge von 5,5 Kilometern zum Carven ein - und das inklusive Blick auf die nur zehn Kilometer entfernte Adriaküste.

Slalom ohne Zuschauer

Da kann selbst die Besucherterrasse auf dem Fernsehturm auf dem Sljeme nicht mithalten. Während dieselbe geöffnet ist, muss die Besuchertribüne beim Slalom am Dienstag aber Corona-bedingt leerbleiben. Der Motivation der Athletinnen tut die Einschränkung keinen Abbruch. Bei den vergangenen Rennen setzte sich zwar die derzeit im Disziplinweltcup führende Slowakin Petra Vlhova durch, dabei hat auch Katharina Liensberger als Dritte 2020 und Zweite 2021 bewiesen, dass sie mit dem Hang sehr gut zurechtkommt. Die Weltmeisterin und Kugelverteidigerin präsentierte sich vor dem Jahreswechsel in Lienz als Zweite stark, obwohl sie davor wegen der mit Symptomen verlaufenen Covid-19-Infektion zehn Tage lang in Quarantäne und nicht auf Ski gestanden war. Das gute Gefühl auf den kurzen Latten wollte sie auch ins Jahr 2022 mitnehmen.

Das mannschaftliche Abschneiden der Österreicherinnen war mit Katharina Truppe auf Platz vier und Katharina Gallhuber auf sechs das mit Abstand stärkste im ganzen Winter in dieser Disziplin. Technik-Chef Hannes Zöchling nahm dies als Momentaufnahme erfreut zur Kenntnis, wollte es aber auch nicht überbewerten. "Wir wollen diesen Schwung mitnehmen, aber auch ruhig bleiben. Das nächste Rennen fängt wieder bei null an, wir werden uns wieder gut darauf einstellen, darauf vorbereiten, und die Mädels werden Attacke geben."

Ob Mikaela Shiffrin nach ihrer Corona-Infektion auf dem Bärenberg am Start sein wird, war am Montagnachmittag noch unklar. Die Athletin hat die Snow Queen Trophy wie Marlies Raich als Rekordsiegerin vier Mal gewonnen. Bis zu Olympia in China sind mit Kranjska Gora und Flachau noch zwei Weltcups im Slalom angesetzt. Im Unterschied zu Zagreb und Peking verfügen diese Stationen über Schnee in Hülle und Fülle. Nun, man kann nicht alles haben. (rel)