Wer bremst, verliert - so heißt es normalerweise im Rennsport. In Wengen, dem Epizentrum des eidgenössischen Skirennsports gilt freilich, wer richtig bremst, gewinnt. Denn Sieger der Abfahrt vom Lauberhorn kann nur werden, wer das völlig aus der Zeit gefallene Brüggli- respektive Kernen-S - eine Engstelle auf die die Läufer mit 110 Stundekilometer zurasen - fehlerlos bewältigt. Voll auf der Taillierung durchziehen spielt es unmittelbar vor der Pisten-Unterführung der Wengernalpbahn jedenfalls nicht, das haben über die Jahre schon einige (vergeblich) ausprobiert. Entweder wird vor der Rechtskurve angedriftet und so das Tempo gedrosselt oder ein kurzer Gegenschwung eingelegt, um dann voll durchzuziehen. Aber auch die etwas unorthodoxe Bremsvariante per Schneepflug - mit 2,20-Meter-Abfahrtslatten! - wurde am Freitag (und das gar nicht schlecht) praktiziert: nämlich von Weltmeister Vincent Kriechmayr und Christof Innerhofer.

Ihre Siegchance vergaben beide indes in den Kurven hernach. Dort, wo Aleksander Aamodt Kilde nichts anbrennen ließ, und vor allem deshalb zum Abfahrtssieg brauste, weil er auf dem knapp oberhalb des Hundschopf gestarteten Lauberhorn-Sprint auf allen Abschnitten der solideste war. Der Norweger bremste damit - um beim Wort zu bleiben - auch das Schweizer Top-Duo mit Wengen-Super-G-Triumphator Marco Odermatt (+0,19) und dem dreifachen Lauerhornsieger Beat Feuz (+0,30) knapp aus.

Hauchdünn am Stockerl vorbei, dennoch stark fuhren die Österreicher: Daniel Hemetsberger raste mit fast perfekter Fahrt - insbesondere im oberen Abschnitt und im Ziel-S - auf Platz vier (+0,46), Max Franz (+0,66) und Matthias Mayer (+0,78) komplettierten das rot-weiß-rote Trio auf den besten Nicht-Stockerlplätzen. Kriechmayr, 2019 Gewinner des Klassikers, schaffte es ohne Trainingsfahrt auf Platz zwölf (+1,26).

Hemetsberger egalisierte damit sein bisher bestes Abfahrtsergebnis, das er im Dezember in Bormio erreicht hatte. Der Mann vom Attersee könnte damit auch ein Ticket für das Olympia-Speedteam gelöst haben, wiewohl bekanntlich nur elf Männer-Startplätze verfügbar sind. "Als ich gesehen habe, dass ich nur 16 Hundertstel hinter Feuz bin, habe ich mir gedacht: Das kann ein gutes Ergebnis werden." Doch nicht nur bei ihm gehen die vielen Trainings und Rennen schon an die Substanz - und das kurz vor dem Weltcup-Saison-Höhepunkt auf der Streif: An den Lauberhorn-Klassiker am Samstag (12.30 Uhr) denkend werde ihm "schon etwas schwarz vor Augen", bekannte Hemetsberger: "Es ist mit dem Schnaufen brutal zäh. Aber ich werde alles reinhauen."

Jury-Lösung für Kriechmayr

Er und seine Teamkollegen wollen bei der längsten Abfahrt der Welt jedenfalls mindestens aufs Stockerl - mit fehlerfreien Fahrten wäre dies für Franz und Mayer schon am Freitag möglich gewesen: "Heute habe ich beim Fahren zwei falsche Entscheidungen getroffen, die ein bisschen was ausmachen. Über den fünften Platz freue ich mich aber schon", meinte Franz.

Viel Luft nach oben hat noch der Weltmeister, dessen Antreten nach einer Corona-Infektion und verpasster Trainings, nur durch Jury-Sonderentscheid möglich war. Darob musste sich der Mühlviertler vor dem Rennen zwecks Regelerfüllung einmal aus dem Starthaus wuchten. Eine Entscheidung, die zwar für etliche Diskussionen sorgte, aber dann doch ohne Protest anderer Teams akzeptiert wurde. "Ich hoffe, dass das dann bei anderen Athleten auch der Fall ist, das wäre nur fair", meinte Kriechmayr.

Für Kilde war es zwar der bereits elfte Weltcupsieg, zugleich aber seine Siegpremiere am Lauberhorn: "Ich habe am Start versucht, Vollgas zu geben. Es war richtig geil zu fahren. In Wengen zu gewinnen, ist immer ein Ziel gewesen." Am Samstag will er freilich das Double schaffen, was die Eidgenossen naturgemäß verhindern möchten. Wiewohl Odermatt über die volle Distanz nicht so stark eingeschätzt wird - allerdings sei schon Abfahrtsrang zwei für den 24-Jährigen "etwas überraschend" gekommen. Feuz sieht seinen Landmann auch in der Königsdisziplin bald ganz oben - vielleicht schon am Samstag. "Wenn einer zweimal aufs Podest kommt, ist ein Sieg auch möglich. Aber ich versuche, ihm das Leben schwer zu machen."

Goggia-Jagd in Zauchensee

Indes blasen die Ski-Damen im Salzburger Zauchensee zur Jagd auf Saison-Dominatorin Sofia Goggia, die im Abschlusstraining neuerlich ihre Favoritenrolle für die Abfahrt am Samstag (10.45 Uhr) untermauerte. Beste Österreicherin war als Fünfte Christine Scheyer (+0,93), die als Siegerin von 2017 wohl die größte ÖSV-Stockerlhoffnung ist.

Doch für die italienische Abfahrts-Olympiasiegerin sprechen außer Leidenschaft auch die puren Zahlen: Goggia hat vor einem Jahr zwar die Heim-WM in Cortina verpasst, aber die letzten sieben von ihr bestrittenen Weltcupfahrten allesamt gewonnen. Sie führt auch im Super-G-Weltcup und fährt seit langem in Überform. Erstaunlich fast, dass ihr auf der Kälberlochstrecke noch ein Stockerlrang fehlt. "Heute und gestern habe ich mir mal die Piste angeschaut. Aber Samstag ist der wichtige Tag", sagte Goggia, der es vor allem der Startschuss angetan hat - in 4 Sekunden geht es von 0 auf 115 km/h. "Das ist ein echter Bussi-Start."