Dass der vor fast genau 25 Jahren aufgestellte Streckenrekord von Fritz Strobl von 1:51,58 Minuten noch etliche Jährchen halten dürfte, wird immer wahrscheinlicher. Denn der seit 1997 ohnedies immer runder gewordene Kurs ist seit heuer um eine weitere Brems-Schikane ergänzt worden. Die Streif ist nämlich über den Sommer gewachsen. Wie die "Wiener Zeitung" jüngst berichtete, sind unterhalb der Hausbergkante die Bagger aufgefahren, um vor der gefürchteten Querfahrt einen größeren Radius zu erzielen, der dann beim Zielsprung wie eine prophylaktische Tempobremse wirken möge. Auf dass Geschwindigkeitsrekorde und Horrorstürze ebendort der Vergangenheit angehören. "Sonst zerreißt’s uns irgendwann die Fahrer", begründete Michael Huber, Präsident des Kitzbühler Skiclubs (KSC), diese Maßnahme.

Damit heißt es freilich auch, die technischen Daten der spektakulärsten Abfahrt der Welt neu zu schreiben - die traditionelle Streckenlänge von 3.312 Metern ist so nicht mehr richtig, laut Huber kommen bis zu 50 Meter neu dazu. Genaueres weiß man freilich erst am Mittwoch, wenn nach der Streckenbesichtigung das erste Training ansteht.

Keine Eberharter-Linie mehr

Damit sind riskante, direkte Linien, wie sie seit Stephan Eberharters "perfekten Fahrt" anno 2004 immer wieder ausgepackt wurden, an dieser Schlüsselstelle endgültig passé. Etwas, das schon im Vorfeld nicht allen Fahrern schmeckt. So ärgerte sich der dreifache Streif-Champion Dominik Paris im "Sport und Talk Spezial" auf Servus-TV darüber, dass man Klassiker, die man seit Jahrzehnten fahre, mit Baggern entschärfe - zumal es für ihn auch andere Möglichkeiten gegeben hätte. Hahnenkamm-Rekordler Strobl versteht zwar prinzipiell diese Athleten-Sicht, entgegnet aber: "Man muss auch den Veranstalter verstehen, der in den letzten Jahren sehr gebeutelt war. Ich denke, dass die Streif an Gefährlichkeit nicht viel verloren hat." Auch KSC-Präsident Huber relativiert den Mythos einer Art unabänderlichen Ur-Streif, zumal fast jeder Streckenabschnitt irgendwann von Menschenhand modelliert worden sei. "Man muss immer wieder dran arbeiten, dass sie dem Menschenmöglichen entspricht", erörterte Huber.

Womit durch den Streckenumbau am Hausberg das alljährliche große Kribbeln vor dem Start heuer wohl noch etwas prickelnder ausfallen dürfte - schließlich ist die geänderte Passage für alle Fahrer Neuland. Und nach dem Rennmarathon von Wengen mit Doppelabfahrt, Super G und zwei Trainings sind die Akkus der Athleten ziemlich beansprucht.

Dennoch überwog die Vorfreude auf das Rennen aller Rennen, das wie im Vorjahr im Doppelpack (Freitag und Samstag) über die Bühne gehen soll. "Kitzbühel ist das Highlight des Jahres für uns Abfahrer", brachte es Lauberhorn-Gewinner Vincent Kriechmayr auf den Punkt. Der Doppelweltmeister aus dem Mühlviertel wartet noch auf seinen ersten Streif-Sieg, im Vorjahr konnte er immerhin den Super G für sich entscheiden: "Kitzbühel ist eine zähe Geschichte. Es ist die schwerste und schwierigste Abfahrt im Kalender. Da muss man topfit sein", betonte Kriechmayr. "Ich weiß nicht, was bei den Olympischen Spielen auf mich zukommt, aber Kitzbühel ist die Abfahrt, die man als Österreicher gewinnen will."

Wetter bereitet Sorgen

Doch die Konkurrenz aus dem Ausland ist heuer groß: Neben dem wiedererstarkten Paris muss man vor allem 2021-Doppelsieger Beat Feuz und den in Hochform befindlichen Aleksander Aamodt Kilde auf der Rechnung haben. Aber auch Teamkollegen Matthias Mayer. "Kitzbühel wird sicherlich lässig", sagt der bis dato letzte rot-weiß-rote Streif-Sieger. Der Kärntner gewann ja 2020 die letzte Hahnenkammabfahrt vor vollem Haus, als das Coronavirus in Tirol noch unter der Wahrnehmungsgrenze schwelte. Nach den Geisterrennen im Vorjahr werden heuer auch nur 1.000 Tickets für die Rennen aufgelegt, allen Besuchern werden Sitzplätze zugewiesen. Von den Ski-Stars erfordert diese überschaubare Kulisse wieder eine Umgewöhnung, nachdem in der Schweiz am vergangenen Wochenende noch knapp 20.000 die Lauberhornabfahrt zu einem helvetischen Volksfest gemacht hatten. Es sei "ein unglaubliches Gefühl gewesen am Start bei so vielen Leuten. Es war wieder eine ganz andere Atmosphäre", gab Mayer zu. "Da war schon brutal viel los. Das ist das, was die Weltcup-Rennen auch so richtig geil macht. Das ist aber in diesen Zeiten nach wie vor zum Abwägen", meinte ein skeptischer Max Franz, der heuer sein erstes Abfahrts-Stockerl in Kitzbühel einfahren möchte.

Anders als bei den Rennen im Berner Oberland dürfte das Wetter in der Gamsstadt auch heuer wieder zu einer Herausforderung werden. Denn ab Donnerstag soll Schneefall einsetzen, der in Summe bis zu einem halben Meter bringen soll. Man muss also mit Verschiebungen rechnen.