Die neue Streckenführung am Hausberg scheidet die Abfahrer-Geister: Für die einen ist es ein Sakrileg, die berühmteste Abfahrt der Welt an dieser entscheidenden Stelle zu verändern; für die anderen ist es eine unbedingte Notwendigkeit, um bei immer schneller werdendem Material die Sicherheit der Rennfahrer gewährleisten zu können. Am ersten Trainingstag zeigte sich freilich, dass das Vorhaben, die Fahrer mit einer größeren Kurve vor der Querfahrt einzubremsen, damit niemand mehr beim Zielsprung ins Flache springen kann, (noch) graue Theorie ist. So wurde US-Boy Travis Ganong als Schnellster bei 143,33 km/h "geblitzt", viele vorne Platzierte lagen ebenfalls um die 140 km/h. Zum Vergleich: Im Vorjahr hatte Ganong bei extrem schnellem Schnee 149,21 auf dem Tacho, Doppelsieger Beat Feuz kam in beiden Rennen auf etwa 145 Stundenkilometer.

Die Vorgabe war freilich eine andere. So hatte Michael Huber, der Präsident des Kitzbühler Skiclubs, im Zuge der Umbauarbeiten im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erklärt: "Unser Ziel ist, unter 140 km/h zu bleiben, weil dann ist der Zielsprung problemlos zu bewältigen. Aber jeder km/h darüber macht es immer gefährlicher." Man wird sehen, wie sich die Streif in den kommenden Tagen noch entwickelt - fällt der angesagte Neuschnee, wird sie wohl von Petrus höchstpersönlich entschärft werden.

Unbeeindruckt von jeder Streckenänderung fuhr der Norweger Aleksander Aamodt Kilde am Mittwoch zur Trainingsbestzeit vor Matthias Mayer und dem zeitgleichen Italiener Matteo Marsaglia (+0,22 Sekunden). Der Kärntner, Sieger 2020, sieht die Änderung an sich "schon notwendig" nach den Stürzen in den vergangenen Jahren. "Aber ich finde die Traverse viel zu stark entschärft - und der Zielsprung ist gleich. Ob die Änderungen das bringen, was sie sollen, weiß ich nicht." Manko sei die nunmehrige Einheitslinie nach der Hausbergkante, Husarenritte an dieser tückischen Stelle seien nunmehr passé. "Das macht es für den Rennläufer vielleicht weniger interessant. Aber die Streif bleibt die Streif! Oben ist es richtig eisig, du musst konzentriert bleiben, es geht gescheit zur Sache", sagte der Doppelolympiasieger.

Kritik äußerte indes der Vorjahres-Champion aus der Schweiz: "Es hat alles gepasst, nur das Tempo war fast zu hoch", fand auch Feuz, der die Änderung etwas "schade" findet. "Ich weiß nicht, ob es das gebraucht hätte." Gegenüber "Blick" äußerte sich der frischgebackene Papa konkreter: "Ich bin kein Fan davon, Klassiker zu verändern. Man könnte auch vor der Hausbergkante irgendwo Tempo rausnehmen, damit man schon weniger schnell auf die Kante kommt."

Auch der dreifache Streif-Sieger Dominik Paris, der seine erste Trainingsfahrt komplett verhaute (+2,97 Sekunden), hielt mit seinem Ärger nicht hinter dem Hahnenkamm. "Ich finde das ein bisserl schade. Das Ziel war ja, das Tempo für den Zielsprung zu reduzieren. Das ist nicht ganz gelungen", monierte der Südtiroler.

Einen Arbeitstag zum Vergessen hatte auch Vincent Kriechmayr mit 5,23 Sekunden Rückstand. "Ich habe einen katastrophalen Fehler gemacht, aber ich bin auch wirklich schlecht Ski gefahren. Wengen war am Samstag, heute ist Mittwoch. In ein paar Tagen habe ich das Niveau doch wieder drastisch gesenkt, was meine skifahrerische Qualität betrifft", sagte der Lauberhornsieger gewohnt selbstkritisch.

Was die Änderung auf der Streif betrifft, bringt er auch Verständnis auf. "Es ist siebzig Jahre gegangen, der legendäre Charakter der Strecke verändert sich ein bisserl. Andererseits muss man schon sagen, wenn es dadurch gelungen ist, dass man weniger katastrophale Stürze vor allem im Zielsprung sieht, haben sie eine richtige Entscheidung getroffen. Dann wird jeder happy sein." Der Sport werde immer schneller, aggressiver, das Material immer besser. "Solche Stürze wie letztes Jahr von Urs Kryenbühl wollen wir nicht sehen."

Hirschers PR-Show

Während es mit Josef Ferstl, Super-G-Sieger von 2019, ein prominentes erstes Sturzopfer gab, kam ein anderer bei seiner Streifpremiere gesund ins Ziel - und das als eigentlicher Ski-Pensionist: Marcel Hirscher. Der 32-Jährige war als Vorläufer unterwegs, um vor allem auch seine eigene Ski-Marke zu promoten; ein Comeback wird es weiter nicht geben, allerdings weitere Vorläuferfahrten in der Hahnenkamm-Woche. Die große Aufmerksamkeit für den Skistar a. D. passte aber nicht allen. "Ich schau nicht auf die Vorläufer. Wenn man das mediale Interesse unbedingt auf sich ziehen will, dann kann man es natürlich so tun", ätzte etwa Mayer.

Programmänderung: Abfahrten Freitag und Sonntag

Die schlechten Wetterprognosen machen allerdings eine Programmänderung notwendig. Der Slalom-Klassiker der Männer auf dem Ganslernhang soll nun bereits am Samstag (10.15/13.45) in Szene gehen, eingebettet in die zwei Abfahrten am Freitag (11.30) und Sonntag (13.30). Für Samstag sind laut Wetterprognosen 30 bis 60 Zentimeter Neuschnee möglich, weshalb das einfacher durchführbare Technikrennen vorgezogen wurde.

Die erste Abfahrt auf dem Hahnenkamm ist weiter für Freitag geplant. Auch da erwarten die Organisatoren Neuschnee, es könnte aber ein Wetterfenster geben, das die Abhaltung möglich macht. Danach können die Speed-Spezialisten laut aktueller Planung einen Tag durchschnaufen.

Für das Abschlusstraining am Donnerstag könnte der Wind ein Faktor werden, erklärte FIS-Chef-Renndirektor Markus Waldner bei der Mannschaftsführersitzung. "Wir wollen versuchen, von ganz oben zu fahren." Für Sonntag wurde eine ungewöhnlich späte Startzeit gewählt, um den Pistenarbeitern mehr Zeit zu geben.

Der Programm-Tausch hatte sich bereits abgezeichnet. Fleißige Schaufler und die Pisten-Maschinen stünden parat, erklärte Huber. "Möge die Übung gelingen."