Kitzbühel kann eigentlich nichts erschüttern: In ihrer langen, langen Geschichte haben die Hahnenkammrennen schon viel himmlische Unbill erlebt - zu viel Schnee, zu wenig Schnee, gar kein Schnee; was zu etlichen Absagen, Verschiebungen und/oder Strecken- sowie Start-Verlegungen geführt hat (vor vier Jahren wurde beim Super G sogar das Ziel zum Lärchenschuss nach oben verlegt). Daher kann so ein vorhergesagter guter Meter Neuschnee, der bis Sonntagnacht in den Kitzbühler Alpen fallen soll, auch die 82. Hahnenkammrennen nicht wirklich außer Tritt bringen. Wirklich? Zumindest wurde einmal das Programm gedreht, damit die Wahrscheinlichkeit steigt, beide Streif-Abfahrten (Freitag und Sonntag) und den (im Vorjahr in die Flachau verlegten) Slalom vom Ganslern (Samstag) austragen zu können. Und wer weiß, ob man nicht auch den Montag-Termin wieder beanspruchen muss wie zuletzt vor einem Jahr, als der Super G nachgetragen wurde.

Selbst der Kitzbüheler Skiclub-Präsident Michael Huber hatte am Donnerstag so seine Zweifel, ob denn heuer alles gutgehen werde - um dann von den eigenen Leuten umgestimmt zu werden. "Meine Hauptsorge ist der Samstag, weil da ja nicht nur der viele Schnee vom Slalomhang weggebracht werden muss, sondern auch von der ganzen Abfahrt." Sein "Ihr schafft’s das nicht!" Richtung der vom Bundesheer unterstützten Pistenkommandos sei aber von diesen prompt erwidert worden: ",Wohl, wohl! Kein Problem!‘", erzählte Huber, der im dichten Flockenwirbel im Zielraum der Streif seinen Humor nicht einbüßte: "Es könnte noch schlechter sein." Immerhin lehrt die langjährige Statistik, dass die Kitzbühler Veranstalter Schneeschaufel und Sturmhaube griffbereit haben sollten: "Von 30 Rennen sind nur sechs oder sieben bei Sonnenschein", so Huber.

Verkürztes Abschlusstraining

Einen Vorgeschmack auf schwierige Witterungsbedingungen auf der spektakulärsten Abfahrt der Welt bekamen die Fahrer beim Abschlusstraining am Donnerstag, das im Schneetreiben und also bei diffuser Sicht in der Alten Schneise gestartet werden musste - also fast um die Hälfte verkürzt war. Die Besten der Besten hoffen am Freitag (Beginn: 11.30 Uhr) freilich auf den Originalstart: "Denn wenn wir von der Alten Schneise starten, gibt es ein Gemetzel", prognostizierte Weltmeister Vincent Kriechmayr. "Dann fehlen die schwersten Passagen, Mausefalle, U-Hakerl, Steilhangausfahrt - dann ist der Favoritenkreis sehr, sehr groß." Tatsächlich waren die Top-Favoriten im Vergleich zur Bestzeit von Christof Innerhofer abgeschlagen. Am besten bewältigte den Streif-Sprint noch dessen Südtiroler Landsmann Dominik Paris (5./+1,07), der aber mit der neuen Passage vor der Hausberg-Querfahrt weiterhin wenig Freude hatte. Ebendort ließ Olympiasieger Matthias Mayer beim Versuch, eine direktere Linie durchzuziehen, ein Tor aus. Der Sieger von 2020 ist darob wenig verunsichert: "Ich bin gut drauf und weiß, was ich zu tun habe." Auch die Piste sei in einem sehr guten Zustand, um voll angreifen zu können: "Wir haben uns schon einmal auf das Wetter einstellen können, weil es wird sicherlich morgen oder am Sonntag nicht anders werden."

Fünf Top-Favoriten

Gemeinsam mit Kriechmayr ist der Kärntner das heißeste ÖSV-Eisen auf die goldene Gams. Ansonsten gibt es mit Vorjahres-Doppelchampion Beat Feuz, Dreifachsieger Paris und Aleksander Aamodt Kilde, der als einziger der Top-Athleten heuer zwei Abfahrtssiege einfahren konnte, drei Konkurrenten auf Augenhöhe.

Gewinnt Paris, stünde er mit Franz Klammer (vier Streif-Erfolge) auf einer Stufe; siegt Kriechmayr, wäre er der erste Abfahrer seit Didier Defago 2009, der hintereinander die beiden wichtigesten Abfahrtsklassiker - Wengen und Kitzbühel - gewinnt.

Den gefährlichen Außenseiter darf man in der Gamsstadt freilich auch nie vergessen - dieses Jahr ist es Innerhofer. Der Ex-Super-G-Weltmeister (2011) und Abfahrts-Olympia-Silberne von Sotschi 2014 zeigt ansteigende Form. Und die richtige Einstellung. "Ich freue mich aufs Rennen, egal ob Schlechtwetter ist."