So alt kann die Streif gar nicht werden, als dass sie nicht immer wieder für neue Überraschungen und Erkenntnisse gut wäre. Die schnellste Linie beim Kriterium im oberen Abschnitt, der Steilhang-Ausfahrt, verläuft neuerdings so eng beim Innentor, dass die Fahrer über die letzte Kuppe sogar runterspringen - gesehen am Freitag bei Marco Odermatt und Aleksander Aamodt Kilde. Für eine weitere Novität sorgte zudem die bisherige Schlüsselstelle im unteren Abschnitt - nämlich Hausbergkante und Querfahrt in den Zielschuss -, die ja über den Sommer aus Sicherheitsgründen umgebaut wurde, aber im ersten Renneinsatz dann doch mehr interessante Fahrvarianten lieferte als die noch im Training monierte öde Einheitslinie; und dann gibt es noch die von vielen offenbar vergessene, nun neu bestätigte Erkenntnis, wonach niedrige Nummern in einem Neuschneerennen von Nachteil sind - die mitfavorisierten Startnummern 1 (Max Franz/40. Platz), 3 (Vincent Kriechmayr/13.) und 5 (Dominik Paris/27.) waren nach gut 20 Zentimeter Neuschnee in den Gleitpassagen chancenlos.

Die Gunst der Stunde nutzte dafür ein anderer: Nachdem die ersten Siegerinterview schon gegeben und das -foto schon geschossen ward, raste der Franzose Blaise Giezendanner mit Startnummer 43 als Dritter noch aufs Stockerl. Während Kilde kurz durchschnaufte und am Ende seinen ersten Kitzbühel-Sieg zelebrieren durfte, stand Doppelolympiasieger Matthias Mayer mit langem Gesicht im mit gut 1.000 Fans gefüllten Zielbereich. Für den Kärntner blieb damit nur Rang vier - vier Hundertstel hinter Giezendanner, dessen Landsmann Johan Clarey mit Rang zwei (+0,42) als 41-Jähriger eine nicht minder respektable Leistung zum Auftakt der 82. Hahnenkammrennen hinlegte.

Trotz der Witterungseinflüsse - im oberen Abschnitt wechselten die Windverhältnisse, weshalb auch der Start zur Mausefalle verlegt werden musste - war Kilde ein würdiger Sieger, der seine bewusst gewählte Startnummer 11 auch mit perfekter Fahrt (bis zur Hausbergkante) auszunutzen wusste. Im Vorjahr verpasste der 29-Jährige die Hahnenkammrennen nach einem kurz vorher erlittenen Kreuzbandriss. "Unglaublich, dass ich so schnell gewesen bin. Es war so geil zu fahren. Ich bin so stolz." In der Früh habe er noch ein Foto von sich vor einem Jahr mit Krücken gesehen, jetzt stehe er als Sieger da.

Zu den großen Geschlagenen zählte außer Weltmeister Kriechmayr und Dreifachchampion Paris auch der Vorjahres-Doppelsieger Beat Feuz aus der Schweiz, der nach einem Fahrfehler bei der Seidlalm keine Chance auf eine weitere goldene Gams hatte (+1,14). Etwas zerknirscht war Mayer, der im Ziel feststellte, seine Nummer 7 sei "keine optimale" gewesen, aber er habe nicht nur den Neuschnee, sondern auch Sicht und Wind bei dieser Wahl miteinbezogen. "Von der Seidlalm runter habe ich eine Topfahrt gehabt", stellte er trotzdem fest. Im Ziehweg zwischen Steilhang und Alte Schneise sei er halt chancenlos gewesen. Auch für Daniel Hemetsberger als zweitbestem Österreicher wäre wohl mehr als Rang zehn drinnen gewesen. Der Mann vom Attersee legte mit Startnummer vier laut eigenem Bekunden eine "super Fahrt" hin, doch auch bei ihm habe der Neuschnee im Flachen noch ordentlich gebremst.

Mit Fassung nahm es auch der Lauberhorn-Sieger, der für die Streif-Revanche am Sonntag (13.30 Uhr) zumindest auf einige "sehr gute Teilzeiten" bauen kann. "Ich hätte gern etwas Besseres gezeigt", sagte Kriechmayr, der trotz allem Galgenhumor bewies. "Zumindest muss ich nicht zur Siegerehrung gehen, nun habe ich mehr vom Nachmittag."

Spannung vor Slalom, Feller positiv getestet

Witterungsbedingt geht nun schon am Samstag (10.30/13.45 Uhr) der Slalomklassiker vom Ganslernhang in Szene, der für die ÖSV-Equipe bereits die Entscheidung für das Olympia-Team bringt. "Jeder hat noch einmal die Chance, sich zu präsentieren", versicherte ÖSV-Männer-Rennsportleiter Andreas Puelacher, der etwas bedauert, dass die Nominierungsfrist schon vor dem Nachtslalom von Schladming am Dienstag endet. Vor allem auf Michael Matt lastet großer Druck, will er noch in den Flieger nach Peking steigen, hat er doch im Gegensatz zu Johannes Strolz, Manuel Feller, Marco Schwarz und Fabio Gstrein heuer kein Top-Ten-Resultat geschafft. Der Favoritenkreis auf den Sieg beim Klassiker ist heuer besonders groß - in den vier Rennen gab es bisher mit Clement Noel, Sebastian Foss-Solevaag, Strolz und Lucas Braathen vier verschiedene Sieger; sowie elf verschiedene Stockerlfahrer aus acht Nationen.

Definitiv zuschauen heißt es allerdings für Feller, der positiv auf das Coronavirus getestet wurde.