Eine verrückte Slalom-Saison erlebt kurz vor den Olympischen Spielen ihren Weltcup-Höhepunkt - beim Nachtrennen auf der Schladminger Planai (Dienstag, 17.45/20.45 Uhr). Was im Dezember noch standesgemäß mit dem Heimsieg von Clement Noel in Val d’Isere begonnen hatte, brachte schon knapp vor Weihnachten in Madonna den ersten Bruch: Zwar siegte mit dem norwegischen Weltmeisters Sebastian Foss-Solevaag ein Topfavorit, doch auch nur, weil Noel mit Riesenvorsprung wenige Tore vor dem Ziel strauchelte. Die Jänner-Klassiker stellten die Slalom-Welt dann vollends auf den Kopf - mit hohen Ausfallquoten im zweiten Lauf und damit der Chance von Stangen-Glücksrittern: In Adelboden schlug die große Stunde von Johannes Strolz, in Wengen carvte der Norweger Lucas Braathen mit einer Rekord-Aufholjagd von Rang 29 zum Sieg. Und in Kitzbühel setzte am Samstag der 35-jährige Dave Ryding mit dem ersten britischen Weltcup-Erfolg in der Historie dem Ganzen die Krone auf.

Bei der 25. Auflage des Nacht-Klassikers im Ennstal - dem letzten Männer-Rennen vor Olympia - könnte die Kugel auf das nächste neue Siegergesicht fallen. Seriöser Anwärter gibt es bekanntlich genug - etwa die gestrauchelten Halbzeitführenden Fabio Gstrein (Adelboden), Henrik Kristoffersen (Wengen) und Alex Vinatzer (Kitzbühel), Vorjahressieger Marco Schwarz oder Manuel Feller, der in der Gamsstadt Corona-bedingt noch passen musste. Apropos: Der last minute in den China-Flieger gestiegene Ganslern-Vierte Michael Matt fehlt wegen eines positiven Tests.

Fix mit dabei auf der Planai (und auch bei Olympia) ist jedenfalls Strolz: "Ich freue mich extrem auf Schladming. Es ist eines der geilsten Rennen. Da möchte ich wieder Vollgas geben", nimmt sich der Vorarlberger Spätstarter vor. Titelverteidiger Schwarz hat nach einigen Verletzungen hingegen bisher nicht so wirklich in die Spur gefunden und ärgerte sich auch in Kitzbühel über Fehler. "Im Training passt der Flow-Zustand, im Rennen absolut noch nicht", erklärte der Slalom-Weltcupsieger, der die Stunden bis Schladming gut nutzen wollte, "um den Flow-Zustand im Rennen wiederzufinden".

"Ich kann mir gut vorstellen, wie es ‚Blacky‘ geht", meinte Strolz verständnisvoll. "Er war letztes Jahr der beste Slalomläufer, dann kam die Verletzung. Es geht so viel um Vertrauen in diesem Sport. Wenn man am Start nicht hundertprozentig Vertrauen in sich selbst hat, tut man sich schwer, um wirklich alles zu geben", weiß der 29-Jährige, der im Vorjahr schon aus dem ÖSV-Weltcupteam geflogen war. "Ich denke, dass ,Blacky‘ knapp dran ist. Aber es sind Kleinigkeiten, die einfach viel ausmachen."

Auch in Schladming fielen zuletzt bis zu 20 Zentimeter Neuschnee, womit es viel zu tun gab, um die Rennpiste wieder in Schuss zu bringen. "Mit kalten Nächten sollte sich eine sehr, sehr knackige bis eisige Piste ausgehen", meinte OK-Chef Hans Grogl vor dem Jubiläumsrennen. Für ihn ist es der letzte Auftritt als OK-Chef im WM-Ort von 2013. Der 68-Jährige legt nach einem Vierteljahrhundert neben seinem Amt als Obmann im örtlichen Wintersportverein auch seine Funktion als Leiter des Organisationskomitees beim Nachtslalom nieder. "Vor 25 Jahren konnte sich niemand vorstellen, dass ein Slalom im Jänner - unter der Woche, und noch dazu am Abend - funktionieren würde. Viele haben uns damals gesagt, dass wir mit dem Projekt scheitern werden. Heute ist der Nachtslalom eines der bedeutendsten Rennen im Skizirkus geworden und aus dem Weltcup-Kalender nicht mehr wegzudenken", so Grogl, der am Dienstag immerhin 1.000 Zuschauer begrüßen darf.

Olympia ohne Gstrein, Franz und Brennsteiner doch dabei

Für die Peking-Qualifikation spielt der Nachtslalom übrigens keine Rolle mehr, denn die Nominierungsfrist endete am Montag. Selbst wenn beispielsweise Gstrein zum Sieg rasen würde, hätte der Wengen-Vierte Pech gehabt. Ihm wurde der heuer spät in Form gekommene Kitzbühel-Vierte Matt noch vorgezogen, wohl auch wegen dessen Erfahrung bei Großereignissen (Olympia-Bronze 2018, WM-Silber 2019). Im Riesentorlauf, wo man Olympia-Gold (durch Marcel Hirscher) verteidigt, konnte der ÖSV zunächst überhaupt nur zwei Fahrer nominieren, nämlich Feller und Schwarz. Und zwar deshalb, weil das rot-weiß-rote Männer-Kontingent durch dubiose Vorgänge bei FIS-Rennen von elf auf neun zusammengestutzt worden war. Weil das IOC nach massiven Protesten (auch anderer Nationen) zusätzliche Alpin-Quotenplätze einräumt, darf Österreich auch Riesentorlauf-Spezialist Stefan Brennsteiner und Speedpilot Max Franz nachnominieren. Für den Alta-Badia-Vierten Patrick Feurstein ist aber ebenso kein Platz im Aufgebot wie bei den Damen für die Schladming-Vierte Chiara Mair. Der zuletzt formschwache Gröden-Zweite Otmar Striedinger ist indes mit an Bord, der Sotschi-Fünfte (Super G) bekommt im Speed-Team zumindest eine Qualifikationschance.