Erst zu Fuß mehrere Stunden den Berg hinauf, dann wenige Minuten Abfahrt hinunter ins Tal - so sah das Skifahren vor der Erfindung des Skilifts (der erste wurde 1908 im Schwarzwald errichtet) aus. Heute geht man wieder selbst den Berg hinauf, allerdings freiwillig und auf eigens dafür entwickelten Ski. Nicht erst seit Corona, aber insbesondere seit der Pandemie boomt das Skibergsteigen.

Während in der ersten Corona-Saison 2020/2021 in Österreich und auch weltweit um fast ein Drittel weniger Alpinski verkauft wurden (für die laufende Saison befürchtet der heimische Sporthandel sogar minus 50 Prozent), wächst der Markt für Tourenski stark. In Österreich ist er auf einen Anteil von 17 Prozent gestiegen (USA: 18 Prozent, Deutschland: 13 Prozent, Italien und Frankreich: 12 Prozent, Schweiz: 11 Prozent). In Österreich wurden in der vorigen Saison rund 68.000 Tourenbindungen, 83.000 Tourenschuhe, 77.000 Paar Tourenski und 96.000 Felle verkauft. Insgesamt gingen 292.441 Paar Ski (gegenüber 444.907 in der Saison 2019/2020) über den Ladentisch. Auch der Langlauf boomt, hier gab es allerdings Corona-bedingte Lieferengpässe - gut 80 Prozent der Schuhe kommen aus Fernost.

Fünf Bewerbe in Mailand

Dem Tourenski-Boom trägt nun auch das Internationale Olympische Komitee Rechnung: Nach der Premiere bei den Jugendspielen 2020 wird das Wettkampf-Skibergsteigen (kurz Skimo von Skimountaineering) laut Beschluss des IOC vom 20. Juli 2021 neu ins Programm der 25. Olympischen Winterspiele in vier Jahren in Mailand aufgenommen, und zwar mit fünf Medaillenbewerben: jeweils Sprint und Individual (Einzel) von Herren und Damen sowie einer gemischten Zweierstaffel.

Eine vergleichsweise harmlose Abfahrt beim "Mountain Attack", der größtenteils als Nachtrennen ausgetragen wird. - © NMC GmbH / Wild&Team
Eine vergleichsweise harmlose Abfahrt beim "Mountain Attack", der größtenteils als Nachtrennen ausgetragen wird. - © NMC GmbH / Wild&Team

Die klassische Disziplin beim Skibergsteigen ist das Individual: Mehrere Streckenabschnitte werden im freien Skigelände bewältigt. Die Sportler steigen mit Fellen auf markierten Spuren mit voller (Lawinen-)Ausrüstung bergauf, absolvieren Tragepassagen (mit Ski am Rucksack), ziehen dann die Felle ab und düsen im unpräparierten Gelände bergab. Das Ganze mindestens dreimal, im Teambewerb wechseln einander Mann und Frau dabei ab. Im Sprint ist der Ablauf ähnlich, nur dauert er bloß wenige Minuten und wird im Sechser-Finalsystem, ähnlich wie im Langlauf, ausgetragen. Hier geht es also um Schnellkraft, Explosivität und schnelle Wechsel, während beim Individual Ausdauer und Technik gefragt sind. Gut 1.000 Höhenmeter legen die Besten im Aufstieg in unter 40 Minuten zurück.

Insgesamt 48 Skibergsteiger bei Olympia 2026 am Start

Insgesamt werden bei Olympia in Mailand innerhalb der Gesamtquote von 2.900 Athleten je 24 Männer und Frauen starten - wie viele davon Österreich stellen darf, wird im heurigen Juli definiert, sagt ÖOC-Sprecher Stephan Schwabl. Der ÖSV, dessen Nationalkader derzeit 17 Athleten umfasst, spekuliert auf Medaillen, nicht zuletzt nach Bronze für Nils Oberauer bei den Youth Olympic Games in Lausanne 2020 sowie Paul Verbnjaks U20-Doppelweltmeistertitel in der vorigen Saison und seinem U23-Silber bei der soeben zu Ende gegangenen EM in Spanien.

Paul Verbnjak und Armin Höfl könnten zwei von Österreichs Medaillenhoffnungen bei Olympia in vier Jahren sein. 
- © APA / ÖSV / Martin Weigl

Paul Verbnjak und Armin Höfl könnten zwei von Österreichs Medaillenhoffnungen bei Olympia in vier Jahren sein.

- © APA / ÖSV / Martin Weigl

Zudem hat Bergläuferin Andrea Mayr 2019 den Weltmeistertitel im Vertical Race (einem reinen Aufstiegsrennen ohne Skiabfahrt) errungen - dieses wird allerdings nicht olympisch. Für Georg Wörter, den Sportlichen Leiter der Skibergsteiger, die im ÖSV erst seit 2015 als eigene Sparte integriert sind, ist die Aufnahme ins olympische Programm natürlich "eine großartige Sache, weil sie uns wichtige Möglichkeiten und den nötigen Raum für Entwicklungen garantiert".

Split-Boards boomen

Aufgestiegen wird im Breitensport mit dünnen Ski in Leichtbauweise (schlecht für die Abfahrt geeignet), Hybridski (die alpinen stark ähneln), Freeriderski - oder Split-Boards. "Da wird das Snowboard für den Aufstieg geteilt und bei der Abfahrt wieder zusammengesteckt. Hier gehen die Verkaufszahlen extrem nach oben", erzählt Ski- und Snowboardführer Stefan Wallner.

Er unterscheidet grob drei Gruppen von Skibergsteigern: Aufstiegsmotivierte, Abfahrtsmotivierte und Naturgenießer. Erstere wollen in erster Linie so schnell wie möglich den Berg hinauf, "da starten die ersten Berggämsen gleich in der Früh die schwarze Piste mit Vollgas hinauf, fahren aber dann mit der Gondel wieder runter und machen das am Vormittag vielleicht ein zweites Mal". Zweiteren geht es darum, in Bereiche im freien Skiraum zu gelangen, in denen sie die Ersten sind, die ihre Spuren in den Tiefschnee setzen. "Da gehören auch die meisten Snowboarder dazu." Und für die dritte Gruppe ist der Weg das Ziel: die Einsamkeit des Berges erleben, die (bis zu ihrer Ankunft) unberührte Natur, die Schönheit der Landschaft. Das macht auch für Wallner die Faszination im freien Skiraum aus: "Die Natur aktiv erleben, zu sehen, wie klein und unwichtig wir eigentlich sind und uns glücklich schätzen können, hier Gast sein dürfen. Diese Faszination weiterzugeben, ist das Beste an den Kursen."

Mit Tempo 130 auf "Zahnstocherski" bergab

"Man darf die Abfahrt nicht unterschätzen", meint Wallner. "Tourenski sind viel schmäler und leichter als Alpinski." Für die Teilnehmer des "Mountain Attack" in Saalbach (heuer am 11. März), einem Skimarathon über 40 Kilometer mit 3.000 Höhenmetern für die internationale Crème de la Crème, ist das freilich kein Thema: "Die machen fünf Aufstiege und düsen dazwischen auf ihren Zahnstocherski die schwarze Piste im Schuss runter, und das bei Nacht. Dagegen sind Abfahrtsläufer Sicherheitsfanatiker." Den Rekord hält ein ÖSV-Athlet mit mehr als 130 km/h. "Das ist schon extrem, auch mit Helm", gibt Wörter zu. "Aber dafür, dass die Athleten auch im steilen Gelände unterwegs sind, passiert eigentlich sehr wenig."

Die größte Gefahr für Skitourengeher stellen immer noch Lawinen dar. "Deshalb gehören abseits der Piste Sonde, Schaufel und LVS-Gerät unbedingt zur Ausrüstung", betont Wallner, der in St. Corona am Wechsel Grundkurse abhält. "Da werden an zwei Abenden die Ausrüstung, die Technik und die Regeln erklärt. Gehen kann jeder, aber wir bringen den Leuten bei, wie man es kräftesparend und sicher macht."

Im freien Skiraum werden es immer mehr Tourengeher, sagt er. "Das Material ist auch ganz anders als früher und leichter verfügbar. Dadurch nehmen auch die Unfälle zu. Ein Restrisiko gibt es immer." Von den Kosten her sind Tourenski bei Kauf und Verleih mit Alpinski vergleichbar, die Snowboards sind etwas teurer. Je nach Tour wird eine Rahmenbindung zum Auf- und Zuklappen oder eine Pin-Bindung mit niedrigerem Stand benutzt. Auch die Schuhe reichen von Hartschalen mit hoher Flex bis zu "Carbonpatscherln", wie Wallner es nennt. Und was zieht man an? "Bei vielen, die mit Kamera fahren, steht Style vor Funktion. Der klassische Tourengeher setzt auf Zwiebelschichten: eine winddichte Berghose, ein langes Unterhoserl drunter, ein Leiberl und drüber ein Jäckchen, und für die Abfahrt sind noch eine Goretex-Schicht und der Helm im Rucksack."

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Konflikte mit Liftbetreibern

Je mehr Skitourengeher unterwegs sind, desto größer wird auch das Konfliktpotenzial mit den Liftbetreibern, deren präparierte Pisten viele für Auf- und Abstieg nutzen. Seilbahnsprecher Franz Hörl weist aber auch auf Nutzungskonflikte mit Waldbesitzern, Landwirten, Bergrettern und Umweltschützern hin. "Das Tourengehen genießt ein ‚grüneres‘ Image, als es in Wahrheit verdient. Immer mehr Menschen sind fernab der dafür ausgelegten Gebiete unterwegs. Ökologisch gesehen stören Tourengeher 60 Mal mehr Fläche, indem sie Lebensräume durch ihre Anwesenheit belasten."

Die von Liftbetreibern betreuten Pisten wiederum dürften "nicht als kostenloses Fitness-Center im Freien" angesehen werden. "Leider fehlt häufig auch das Verständnis für Verhaltens- und Sicherheitsregeln seitens der Seilbahnunternehmen, die laut einer Umfrage der Universität Innsbruck unter knapp 7.000 Freizeitsportlern nur 21 Prozent kennen", berichtet Hörl. "Sie hängen jedoch vielfach mit Sicherheitsaspekten zusammen - wie etwa die Gefährdung von Pistentourengehern durch notwendige Präparierungen, vor allem in den frühen Morgen- und den Abendstunden." Vor allem auf schmalen Ziehwegen kann es eng werden zwischen Skifahrern und Tourengehern. Und dann ist da natürlich der Kampf um die Parkplätze im Tal. Trotz allem meint der Seilbahnensprecher: "Im Großen und Ganzen funktioniert das Miteinander trotz stark steigender Anzahl an Aktiven. Man darf nicht einige wenige rücksichtslose und uneinsichtige Tourengeher als Gradmesser heranziehen."

Schöne Skitouren gibt es auch rund um Wien, etwa am Schneeberg, Hochwechsel oder Unterberg - und bei den Simas-Liften in St. Peter am Wechsel: Dort wird eine Piste, deren Lift kaputt ist, nun für Tourengeher beschneit.