Erst Vierschanzentournee, dann Olympia und nun Skiflug-WM - Österreichs Skispringer können sich diese Saison nicht über zu wenig Action beklagen. Vor allem bei Stefan Kraft ist der Bakken im norwegischen Vikersund, wo seit Donnerstag die Skiflug-Weltmeisterschaft gastiert, in guter Erinnerung geblieben. Vor ziemlich genau fünf Jahren stellte der Salzburger mit der Flugweite von 253,5 Metern den bis heute gültigen Weltrekord auf. Kraft ist Teil eines sechsköpfigen österreichischen Aufgebots, nicht mit von der Partie ist aber ausgerechnet Cheftrainer Andreas Widhölzl, der aufgrund eines Corona-Falls in der engeren Familie "aus Sicherheitsgründen" daheim bleiben muss.

Dabei wäre der Trainer bei dieser Weltmeisterschaft gefragt wie nie, zumal am Donnerstagnachmittag die Zusammenstellung des Teams für die Qualifikation anstand. Den einzigen Fixplatz in Norwegen in der ÖSV-Equipe hatte Kraft, nicht nur aufgrund seines Weltrekord-Status. "Der Krafti ist schon in einer Position, in der wir nicht viel diskutieren müssen", hatte Widhölzl bereits im Vorfeld der WM festgestellt. "Er ist in letzter Zeit einfach extrem gut gesprungen, hat die Raw Air gewonnen." Und Kraft sollte auch in Vikersund liefern. Er dominierte mit Michael Hayböck mit den Rängen eins und zwei die Qualifikation und untermauerte mit einem Flug auf 230 Meter bei Rückenwind seine Favoritenstellung, Hayböck gelang mit der Qualifikations-Höchstweite von 233 Metern bei leichtem Aufwind ebenfalls ein Start nach Maß.

Allein ein Mann fehlte in Vikersund: Widhölzl. Die Möglichkeit, sich - so wie es geplant war - an Ort und Stelle "ein Bild zu machen" und die Sprünge seiner Schützlinge zu begleiten, hat der Chefcoach Corona-bedingt nicht. Vertreten wird der 45-Jährige in Norwegen von den Co-Trainern Harald Diess und Thomas Thurnbichler. Für Österreich sind neben Kraft Manuel Fettner, Jan Hörl, Daniel Huber, Michael Hayböck und Ulrich Wohlgenannt genannt. Auf dem Mega-Bakken (HS 240) sind je zwei Sprünge für den Einzelwettkampf am Freitag und Samstag sowie die Team-Konkurrenz am Sonntag angesetzt (jeweils ab 16.30 Uhr/ORF1).

Hayböck hofft auf Medaille

Nun ist Kraft bestimmt nicht der einzige Kandidat für Edelmetall, auch Hayböck, der erst diese Saison nach einer Bandscheibenoperation in die Mannschaft zurückgekehrt war, wittert nach gelungener Qualifikation seine Chance. Bei der vergangenen WM im Dezember 2020 in Planica war er aus der Corona-Quarantäne heraus immerhin Vierter geworden. Für Hayböcks Klasse spricht, dass er für die die Saison abschließenden Skiflug-Bewerbe im Weltcup in Oberstdorf und Planica bereits einen - wenn auch über den Continental-Cup erarbeiteten - Fixplatz hat. Im ÖSV-Team hofft man nach Tournee-Debakel und Olympia-Versöhnung auf einen Erfolg beim letzten Höhepunkt in dieser Saison. Hierfür scheint die Ausgangsposition in Vikersund besser als vor 15 Monaten in Planica.

Aber selbst einen neuen Weltrekord hält man im ÖSV-Team für möglich. Ob Krafts Bestmarke geknackt wird, hängt naturgemäß auch von den Verhältnissen - etwa dem Aufwind - ab. Titelverteidiger im Einzelbewerb ist im Übrigen Karl Geiger, der Deutsche gewann die vergangene WM-Auflage vor dem Norweger Halvor Egner Granerud und seinem Landsmann Markus Eisenbichler. Der Team-Titel war an Norwegen gegangen, vor Deutschland und Polen. Das ersatzgeschwächte Team aus Österreich sprang damals nur auf Rang sechs. (apa/rel)