Hannes Reichelt wird diese Geschichte wohl noch seinen Enkerln erzählen. Immerhin sind die Ereignisse des alpinen Weltcupfinales 2008 in Bormio ein Lehrstück für das Leben - dass man eben nie (die Hoffnung) aufgibt, so aussichtslos die Lage auch sein mag. So ging der spätere Super-G-Weltmeister aus Salzburg in jener Saison mit 99 Punkten Rückstand auf den Schweizer Didier Cuche in den finalen Super G; also de facto chancenlos im Kampf um die kleine Kristallkugel. Doch dann passierte es: Während Reichelt mit einer Hundertstel Vorsprung zum Sieg raste, verbremste sein Konkurrent den Lauf auf der Stelvio komplett und lag vor dem letzten Läufer nur auf Rang 15. Doch dieser hätte für Kristall ausgereicht, wenn sich sein Schweizer Landsmann Daniel Albrecht an die Stallorder gehalten und absichtlich gebremst hätte. Tat er aber nicht - so rutschte Cuche aus den Punkerängen, Reichelt krönte sich zum Disziplinengewinner, und der Skisport an sich war ob der Fairness und Dramatik gewissermaßen auch ein Sieger.

Vor dem letzten Abfahrtsrennen der heurigen Saison in Courchevel ist die Situation der damaligen nicht unähnlich - zumindest aus rot-weiß-roter Perspektive. Denn das eigentliche Duell um die Abfahrerkrone ist ja jenes zwischen Aleksander Aamodt Kilde und Beat Feuz, die vor dem Showdown auf der neuen Strecke des WM-Ortes von 2023 nur durch 23 Zähler getrennt sind. Lachender Dritter könnte indes Triple-Olympiasieger Matthias Mayer werden, der wie einst Reichelt einen Sieg benötigt, um bei 84 Punkten Rückstand auf Kilde das kleine Skiwunder noch real werden zu lassen. Freilich reicht dieser nur dann, wenn der Norweger (schlechter als 15.) und der Schweizer (schlechter als 6.) grob patzen. Reichlich unrealistisch zwar, aber auch nicht vollends auszuschließen.

Schon zuletzt hatte der Kärntner aber die Kristallkugel abgeschrieben, dennoch bleiben genügend Ziele auf der neuen "Eclipse-Strecke": "Unter die ersten Drei zu kommen, ist auf jeden Fall ein großes Ziel. Wenn ich das wieder erreichen könnte, wäre das eine super Sache, auf das werde ich mich noch konzentrieren", sagte Mayer. Zudem ist das Rennen auch die Generalprobe für die WM im nächsten Jahr, zumal Mayer mit Titelkämpfen, da medaillenlos, noch etliche Rechnungen offen hat. Dass der Mittelteil "ein bisserl eckig" ist, sollte dem Edeltechniker zugutekommen.

Goggia 75 Punkte voran

Diese Tempobremse hat freilich auch mit der danach auf der selben Piste stattfindende Damen-Abfahrt zu tun, die nur beim Finale (und nicht bei der WM) auf diesem Kurs abfahren. Und auch dort kommt zum Saisonabschluss noch einmal Spannung auf, nachdem der Abfahrtsweltcup schon für Seriensiegerin Sofia Goggia früh entschieden schien. Doch nach ihrem Sturz in Cortina samt anschließender Verletzungspause wurde der Kugelkampf wieder enger - wiewohl 75 Zähler Vorsprung auf die zweitplatzierte Schweizer Olympiasiegerin Corinne Suter reichen sollten. Wenn denn die Italienerin durchkommt (und mindestens Zehnte wird).

Aus österreichischer Sicht geht es "nur" noch um Platz drei in der Disziplinenwertung, die Ramona Siebenhofer gegenüber der Tschechin Ester Ledecka (acht Zähler zurück) verteidigen will.(may)