Am Ende strahlten sie dann alle mit der Frühlingssonne in den französischen Alpen um die Wette - vor allem jene, die heuer nicht ganz so viel Grund dazu hatten: Vincent Kriechmayr als Gewinner der letzten Saisonabfahrt beim Weltcup-Finale in Courchevel/Meribel nach durchwachsener Saison; seine Landsfrau Christine Scheyer, die als (Ex-aequo-)Zweite ihr bestes Saisonresultat einfuhr - nach verpatzten Olympischen Spielen in Peking; nur knapp geschlagen von US-Star Mikaela Shiffrin, deren Olympia-Drama freilich doch ganz andere Dimensionen hatte und die mit ihrem ersten Abfahrtserfolg heuer nun allerbeste Karten hat, das spannende Duell um die große Kristallkugel gegen Petra Vlhova (am Mittwoch punktelose 16.) bei 156 Zählern Vorsprung für sich zu entscheiden; und dann wären da noch die beiden Disziplinensieger, die den Glaspokal in die Höhe strecken durften: die verletzungsgebeutelte Sofia Goggia und Aleksander Aamodt Kilde, dem ein vierter Rang mit einigem Bangen und Zittern zum ersten Abfahrtskristall überhaupt reichte.

Die neue, durchaus spektakuläre Herren-Strecke - mit weiten Sprüngen und etlichen Hochgeschwindigkeitskurven - machte jedenfalls schon einmal Lust auf die WM-Abfahrt 2023. Dass sich der amtierende Weltmeister in der Königsdisziplin auf dem "Eclipse"-Kurs durchaus wohlfühlt, bewies Kriechmayr am Mittwoch eindrucksvoll, indem er die Schweizer Marco Odermatt (+0,34) und Beat Feuz (+0,54) doch deutlich distanzierte. Letzterer verpasste damit auch sein fünftes Abfahrtskristall en suite, da sich sein norwegischer Konkurrent direkt hinter ihm klassierte. Keine Chance mehr auf die Kugel hatte nach einem kleinen Ausrutscher Matthias Mayer, der am Ende nur Zwölfter wurde.

"Die Saison war nicht ganz das, was ich erwartet habe nach der letzten. Heute habe ich versucht zu zeigen, was ich wirklich draufhabe, das ist eine schöne Geschichte", resümierte Kriechmayr. Das Material sei den ganzen Winter über zwar immer gut gewesen, aber er habe sehr viele Rennen aufgrund vieler Fehler schlicht vergeigt. "Letzte Saison ist es ins Laufen gekommen, in dieser nicht. Man kämpft, aber es geht nicht so von der Hand", so der Mühlviertler, der im finalen Super G am Donnerstag noch einmal zuschlagen möchte.

Früh entschieden war am Mittwoch indes der Zweikampf der schnellsten Damen im Skizirkus: Nachdem sich Sofia Goggia mit Startnummer fünf vor Olympiasiegerin Corinne Suter klassiert hatte, war die dritte Abfahrtskugel für die italienische Draufgängerin perfekt. Nach ihrem heftigen Sturz in Cortina samt olympischem Blitzcomeback eine Genugtuung, die Tagesrang 12 letztlich nicht trüben konnte.

Scheyer, Shiffrin im Glück

Die Überraschung aus rot-weiß-roter Sicht lieferte Scheyer, die beinahe ihren zweiten Karriere-Sieg nach Zauchensee 2017 einfahren konnte. "Ich habe mir einfach nur gedacht, ich will jetzt voll attackieren. Ich habe gemerkt, wenn ich attackiere, dann wird es was", beschrieb Scheyer ihre Taktik. "Ich weiß, wenn ich einfach so fahre, wie ich es kann, dass ich vorne dabei bin. Das habe ich nicht immer hergebracht."

Wieder ganz oben auf dem Stockerl stand aber Shiffrin, die ihren 74 Weltcuperfolg schaffte und theoretisch schon im Super G ihr viertes großes Kristall fixieren kann: "Heute war ein perfekter Tag für mich", meinte die 27-Jährige, zu der Fortuna zurückgekehrt scheint. "Es war auch ein bisschen Glück, aber ich bin exakt richtig gefahren."(may)