Bei Olympia ein Flop, im Weltcup-Finish absolut top: Nach dem enttäuschenden Peking-Trip zeigte Doppel-Weltmeister Vincent Kriechmayr beim Weltcup-Finale in Courchevel, dass er heuer oftmals unter Wert geschlagen wurde. Denn 24 Stunden nach seinem Abfahrts-Sieg auf der neuen Eclipse-Strecke holte sich der Mühlviertler auch jenen im Super G – ein wahrhaft glorreicher Saison-Schlusspunkt. Das Kunststück des Speed-Double-Gewinns beim Weltcup-Finale ist dem 31-Jährigen übrigens schon vor vier Jahren in Aare gelungen. Auch, wenn Kriechmayr heuer ohne Medaille und Kristallkugel blieb, mit drei Saisonsiegen (inklusive der Lauberhornabfahrt) ist er der Top-Fahrer im ÖSV-Team – alle anderen schafften heuer maximal einen Einzelerfolg.
"Ich habe das alles reflektiert und analysiert, was bei den letzten Rennen passiert ist. Ich habe mich wieder ans Limit bewegen müssen", analysierte der Oberösterreicher seine Spätform, die er auch seiner Psyche verdanke. "Wie im Leben ist auch im Sport der Kopf ein entscheidender Faktor. Lieber einen Fehler machen als wie in Kvitfjell mit einer Super-Fahrt eine Sekunde hinten. Das ist mir heute schon besser gelungen", so Kriechmayr, der in Hinblick auf die Titelkämpfe 2023 an Ort und Stelle wenig Aussagekraft sieht. "Das macht einem natürlich auch ein bisserl einen Druck. Ist nicht schlecht, aber es ist noch ein langer Weg dorthin. Schauen wir, was da in der Saison passiert, wie gut ich davor in Form bin. Ich freue mich auf alle Fälle, aber für nächstes Jahr würde ich das noch nicht so aussagekräftig einstufen", erklärte der doppelte Titelverteidiger, der damit einen WM-Startplatz fix hat.
Kriechmayr holte mit dem Sieg auch noch Rang drei im Disziplinen-Weltcup – zuungunsten des Kärntners Matthias Mayer, der wie am Vortag zu viele Fehler machte (12./+1,89). Die Kugel hatte sich ja Aleksander Aamodt Kilde vorzeitig gesichert. Der im Gesamtweltcup auf Rang zwei gekommene Norweger wurde Tages-Vierter (+0,88); der Schweizer Gesamtweltcupsieger Marco Odermatt musste wie am Vortag nur dem nun zwölffachen Weltcup-Rennsieger Kriechmayr den Vortritt lassen, hatte aber doch 0,53 Sekunden Rückstand.
Österreichs (scheidender) Männer-Rennsportleiter Andreas Puelacher anerkannte Kriechmayrs Leistung: "Bei Vinc hat es genau gepasst. Es freut mich für ihn, weil die Saison durchwachsen war." Er, Kriechmayr, könne zuversichtlich in die neue Saison gehen, deren Höhepunkt die WM-Rennen in knapp einem Jahr eben in Courchevel sein werden. Bei Mayer sah der Cheftrainer zu viele Fehler. "Sonst wäre er unter die Fünf gekommen."
Puelacher hofft auch noch, die Männer-Teamwertung im Nationencup von der Schweiz zurückzugewinnen – vor Riesentorlauf und Slalom in Meribel beträgt der Vorsprung nur noch 30 Punkte auf die Eidgenossen. Der Gesamt-Nationencup dürfte indes in trockenen Tüchern sein, hat doch die ÖSV-Equipe komfortable 393 Zähler auf die Schweizer.
Fix ist seit Donnerstag auch die Puelacher-Nachfolge: Wie erwartet setzte sich Marko Pfeifer, der derzeitige Gruppentrainer der Slalom-Mannschaft, durch. "Das ist eine große Verantwortung, ich freue mich. Jetzt gilt es, diesen Betrieb gut weiterzuführen und zu schauen, dass wir beim Trainerteam gut aufgestellt sind", erklärte der 47-Jährige.

Shiffrin als Zweite zur Kugel

Vorzeitig entscheiden ist indes das spannungsgeladene Kugel-Duell zwischen Mikaela Shiffrin und Petra Vlhova: Da die Slowakin wie im Vortag die Punkteränge verpasste (Rang 17) und der US-Star im finalen Super G Zweite wurde, geht der Gesamtweltcup zum vierten Mal an Shiffrin. Die seit vergangenen Sonntag 27-Jährige hat vor den abschließenden zwei Rennen uneinholbare 236 Punkte Vorsprung auf Vlhova. Der Tagessieg ging erstmals in einem Super G an die Norwegerin Ragnhild Mowinckel, von den Österreicherinnen wurde die Steirerin Tamara Tippler als beste Zehnte (+0,93). Die Italienerin Federica Brignone war schon als Gewinnerin der Disziplinen-Wertung festgestanden.
Die finale Hochform von Shiffrin unterstreicht insofern ihre große Klasse, als sie durch ihr Olympia-Trauma schon völlig entnervt schien. Denn bei sechs Versuchen war sie sechs Mal erfolglos geblieben – und hatte sich mit Ausfällen in Riesentorlauf, Slalom und der Kombination immer tiefer in die Abwärtsspirale gedreht. Sie selbst zweifelte plötzlich an allem und stellte sich die sportliche Sinnfrage. "Es gab viele Momente in dieser Saison, die großartig und wunderbar sind. Aber da gab es auch diese Momente, in denen ich so weit unten war wie noch nie in meiner Karriere – nicht nur, was das Skifahren betrifft, sondern auch als Mensch. Ich habe das Gewicht gefühlt, alles ist auf mir zusammengebrochen", erzählte sie nun. "Die ganze Saison war ein Auf und Ab – und die Abs zählten zu den härtesten Momenten meiner Karriere." Aber am Schluss ist Shiffrin nun wieder oben. Ganz oben.