Beinahe hätte der vorletzte Läufer im allerletzten Weltcuprennen der Saison 2021/22 Österreich doch noch eine kleine Kristallkugel beschert: Wäre Henrik Kristoffersen wenige Tore vor Schluss ganz (und nicht bloß halb) gestrauchelt, hätte der im zweiten Lauf nach vorne gestürmte Manuel Feller beim Weltcup-Finale in Courchevel doch noch die Slalom-Kugel abgestaubt. So blieb ihm Tagesrang drei hinter den Norwegern Atle Lie McGrath und Kristoffersen sowie Rang zwei in der Disziplinenwertung. Es ist dies tatsächlich die beste Gesamt-Platzierung eines Österreichers in dieser Saison - und das ist durchaus enttäuschend.

Denn schien die komplett Kugel-lose und damit blamable Saison 2019/20 im Vorjahr abgeschüttelt, als Katharina Liensberger, Marco Schwarz (beide Slalom) und Vincent Kriechmayr (Super G) gleich drei Mal Kristall einfuhren, steht der ÖSV nun wieder mit leeren Händen da.

Angesichts dieses Rückfalls ist dann auch die Rückeroberung des Nationencups ein eher schwacher Trost: Zwar gelang es im ersten Jahr unter Präsidentin Roswitha Stadlober, den von ihrem Vorgänger Peter Schröcksnadel hochgepushten Glasbecher nach zwei Jahren wieder den Eidgenossen zu entreißen (mit 257 Punkten Vorsprung), bei genauerem Hinsehen wird die alte wie neue ÖSV-Trainerriege aber leicht erkennen, wo genau es hapert und dass man sich von diesem Kristall nicht blenden lassen sollte.

Dass der abgelaufene Winter prinzipiell zu den erfolgreicheren abgelegt werden kann, liegt in erste Linie am Abschneiden beim Saisonhöhepunkt: Mit sieben Medaillen bei Olympia in Peking - darunter drei in Gold - haben die Alpinen (und all ihre Funktionäre) wieder einmal bewiesen, dass sie, wenn es drauf ankommt, das Potenzial voll ausschöpfen können. Gleichzeitig haben dieselben aber auch über die gesamte Saison bewiesen, dass es im Ski-Alltag nicht nur besser gehen kann, sondern auch muss.

Mit nur 8 Saisonsiegen und 43 Stockerlrängen ist die Ausbeute im langjährigen Vergleich unterdurchschnittlich; besonders eklatant ist die Statistik bei den Damen, die zwar wieder ihre Teamwertung gewinnen konnten, allerdings nur zwei Einzelsiege feiern durften. Hier sorgte weniger die Klasse, sondern schlicht die Masse an Weltcup-Starterinnen für die nötigen Punkte - was aber zumindest für die Zukunft einiges erhoffen lässt. Denn bei den Damen verfügt der ÖSV über genügend Talente, die es in den kommenden Jahren wieder zu Serien- oder Gesamtweltcupsiegerinnen bringen könnten.

Strolz-Märchen und Corona

Eher trist sieht es hingegen bei den Männern aus: Hinter der in den besten Jahren befindlichen Speed-Truppe um Matthias Mayer und Kriechmayr kommt wenig nach - und zwar viel zu wenig. Bei den Technikern gibt es mit Raphael Haaser, Adrian Pertl und Fabio Gstrein einzelne Lichtblicke, doch der Nachschub aus dem Europacup lässt schwer zu wünschen übrig. "Wir müssen unsere Ausbildungskonzepte überdenken", weiß darob auch Sportdirektor Toni Giger.

Besonders von den hochdekorierten Stars in der Männer-Equipe hätte man sich heuer durchaus mehr erwarten müssen: Triple-Olympiasieger Mayer hat zwar mit dem Abfahrtssieg in Lake Louise stark begonnen, danach aber zu viele "Streichresultate" fabriziert. Sodass der 31-jährige Kärntner trotz seiner großartigen Karriere immer noch über keine Kristallkugel verfügt, ja heuer nicht einmal unter den besten Drei in Abfahrt und Super G landete (immerhin wurde er als Vierter bester ÖSV-Fahrer im Gesamtweltcup).

Ein Spiegelbild ist Doppelweltmeister Kriechmayr: Mit drei Einzelsiegen ist er zwar erfolgreichster ÖSV-Athlet, zugleich verhaute er viel zu oft - und oft aus unerfindlichen Gründen - seine Fahrten, weshalb er seine Super-G-Kugel wieder abgeben musste. Mit den beiden genannten und Feller, der immerhin Österreich im Riesentorlauf (gemeinsam mit Stefan Brennsteiner) wieder an die Weltspitze geführt hat, gibt es auch nur drei Herren, die zumindest zwei Mal vom Siegerfoto der besten Drei lachen durften.

Allerdings verfügt der ÖSV über den Comeback-Star schlechthin in seinen Reihen - und damit über die märchenhafteste Story des gesamten Winters: Die Geschichte von Johannes Strolz (29), der vom ausgemusterten Slalom- zum Sieg-Fahrer und Olympiastar mit Doppelgold und Silber mutierte, wurde schon rauf- und runtererzählt. Sie wird aber wohl auch im kommenden Winter etlichen Akteuren, bei denen es vielleicht nicht (mehr) so gut läuft, als Motivation dienen.

Positiv waren an der verblichenen Ski-Saison noch zwei weitere Dinge: Die FIS schaffte es tatsächlich, den Ski-Zirkus zwischen Delta- und Omikron-Welle durchzumanövrieren, ohne dass ein einziges der 75 Rennen abgesagt werden musste. Eine Sonderleistung, die man im Oktober nicht erwarten konnte. Und schließlich schlug der Verletzungsteufel bei den Rennen heuer deutlich weniger zu als früher: Kein einziger der Topstars musste wegen eines Kreuzbandrisses oder Ähnlichem die Saison unfreiwillig beenden.

Auf dass es 2022/23 so weitergeht.