Es geht nicht bloß um Höhe, sondern vor allem auch um Speed." Mit diesen Worten stellt sich Andreas Stranz auf den selbstentwickelten Skisprung-Motorik-Trainer - von ihm "Stranzinator" genannt -, legt Helm und Schulterbügel an und segelt wie Stefan Kraft durchs Wohnzimmer. Zumindest fühlt es sich für ihn genauso an. Am ehesten könnte man die Maschine, die der 49-jährige Entwicklungstechniker aus Reichenau an der Rax in jahrelanger Tüftelarbeit in seiner Werkstatt aus vielen Elementen zusammengefügt hat, mit einem Simulator vergleichen. "Mit diesem Gerät kann man Skispringen trainieren, ohne auf die Schanze zu müssen", sagt Stranz. Dennoch ist es eine ungewöhnliche Erscheinung, die der Mann abgibt. Schulterpartie und Helm sind durch Stahlseile mit einem Gewicht verbunden. Stranz geht langsam in die Hocke. Als er nach Sekunden zum "Flug" ansetzt, also kräftig und zielerfassend die Absprungbewegung ausführt, rast das Gewicht in dem Apparat in die Höhe.

"Mein Trainer erzeugt im Moment des Absprungs ganz ähnliche Kräfte, wie sie am Schanzentisch herrschen", erklärt der Tüftler und verweist auf mehrere individuelle Einstellungsmöglichkeiten. Größe und Gewicht des Athleten finden demnach ebenso Berücksichtigung wie die gewünschte Widerstandskraft oder das Balancehalten des Schwerpunkts. Ist einmal die Idealeinstellung gefunden, könne jeder ein und denselben "Sprung" immer und immer wieder proben und jene Konstanz erzielen, die beim Skispringen so wichtig sei, sagt Stranz. "Der Absprung funktioniert wie Elfmeterschießen, wo ja die Flugbahn des Balls im Moment des Tretens bestimmt wird. Der Athlet muss daher im Flow sein, im Moment der Ausführung die richtige Zündung finden." Den exakten Moment zu finden, ist angesichts der hohen Geschwindigkeit und der Kräfte, denen die Springer auf der Schanze ausgesetzt sind, nicht einfach. "Sprungski sind wie Raketen, die bei 80 Kilometern pro Stunde mit immerhin 2,5 Tonnen kinetischer Energie anschieben", erklärt der Niederösterreicher.

. . . und beim Training auf dem "Stranzinator". 
- © Stranz

. . . und beim Training auf dem "Stranzinator".

- © Stranz

Das Interesse an Skisprungtechniken wurde bei Stranz schon in der Jugend geweckt. Im Alter von sechs Jahren wagte er seinen ersten Sprung über die Naturfreunde-Schanze in Hirschwang, allein sein großes Ziel, einmal Weltcup- und Nationalteamspringer zu werden, erreichte der Entwicklungstechniker nicht. Zum einem tat er sich beim Umstieg vom Parallel- auf den V-Stil schwer, zum anderen reizte ihn ein Leben aus dem Koffer beziehungsweise im öffentlichen Rampenlicht nicht, wie er gegenüber der "Wiener Zeitung" angab. Das bedeutet aber nicht, dass der Techniker auf der Schanze keine Erfolge gefeiert hätte. Bei den für über 30-Jährige ausgelegten Masterbewerben reüssierte er auf nationaler wie internationaler Ebene und darf sich Meister, Europameister und Vize-Weltmeister nennen. Aus dieser Zeit stammt auch der erste, 2011 gebaute Prototyp des "Stranzinators", wenngleich seine Wirkung noch gering war. "Das war eine Riesenschaukel und noch nicht so ausgefeilt", erzählt der Bastler.

800 Stunden Arbeit

Der Motorik-Trainer in Stranz’ Wohnzimmer ist nun mittlerweile die dritte Generation von Apparaten, die der Reichenauer selbständig entwickelt hat. Mehr als 800 Stunden und "einige tausend Euro" hat Stranz eigenen Angaben zufolge in das letzte Modell investiert. Potenzielle Abnehmer hat er schon in Aussicht. Erste Tests mit Profi-Athleten verliefen sehr positiv, mittlerweile hat die Maschine in einem Trainingsstützpunkt des ÖSV ein vorübergehendes Zuhause gefunden. Für Stranz ist aber klar, dass die Entwicklung weitergehen wird. Geht es nach ihm, soll der Trainer zunächst in Österreich ausgerollt werden und später international einen Durchbruch feiern. Hierfür fehlt Stranz noch ein Produktvermarkter als Partner. "Wenn jemand Interesse hätte, würde mich das freuen."

Für Stranz zählt das Gefühl des Skispringens heute noch zu den schönsten Momenten. Um seinem Lieblingssport unter realen Bedingungen nachgehen zu können, fährt er gern zu seinem Verein, dem ESV Mürzzuschlag, wo das ganze Jahr über gesprungen werden kann. Für den einen oder anderen "Hupfer" zwischendurch im Wohnzimmer greift er auf einen seiner "Stranzinatoren" zurück. Höhe und Speed mögen ja wichtig sein - allen voran aber zählt der Spaß.