Ein reich gedeckter Gabentisch sieht wahrlich anders aus: Im letzten Rennen vor dem Heiligen Abend demonstrierte das ÖSV-Team am Donnerstag im Slalom von Madonna di Campiglio mit vier Läufern in den Top Ten zwar mannschaftliche Stärke - allerdings schaffte es wieder kein Fahrer auf das Stockerl. Das ist fast schon symptomatisch für die bisherige Weltcup-Saison, die aus ÖSV-Sicht nicht wirklich viele Highlights zu bieten hatte. Genau genommen eigentlich nur eines - nämlich den Sieg von Doppelweltmeister Vincent Kriechmayr auf der verkürzten Saslong in Gröden. Damit gibt es zwar keine Horrorbilanz wie vor zwei Jahren, als vor Weihnachten erstmals seit 33 Jahren kein einziger rot-weiß-roter Sieg bejubelt werden konnte, gegenüber dem Vorjahr darf aber doch ein gewaltiger Steigerungsbedarf in der WM-Saison geortet werden.

Vor einem Jahr standen in der Olympiasaison bei den ÖSV-Herren schon zwei volle Erfolge und insgesamt 12 Stockerlplätze zu Buche. Heuer sind es inklusive Kriechmayr-Sieg nur halb so viele gewesen - nämlich 6 an der Zahl. (Trotz der vielen Absagen fand freilich nur ein Rennen weniger statt als 2021). Bei den noch sieglosen Damen ist im Vergleich zum Vorjahr immerhin ein leichter Aufwärtstrend zu erkennen - in Übersee konnten vier Stockerlränge eingefahren werden (und damit um einer mehr).

Doch ein Blick auf den Nationencup verrät, dass Österreich massiv an Dichte gegenüber anderen Nationen verloren hat: Vor einem Jahr, als der ÖSV diese Kristallkugel am Ende zurückerobern konnte, waren die ÖSV-Damen zu Weihnachten schon gut 100 Punkte vor Italien in Front - nun sind es exakt 308 Zähler Rückstand auf die Schweiz. Die ÖSV-Herren sind derzeit sogar nur die dritte Kraft hinter den Eidgenossen und den Norwegern - auf die Spitze fehlen 238 Punkte. Macht nach Adam Riese einen Rückstand von 546 Zählern, der den Prestigepokal von ÖSV-Präsidentenlegende Peter Schröcksnadel schon jetzt zur Mission impossible macht. Zum Vergleich: Zu Weihnachten 2021 waren es 508 Punkte Vorsprung - der bis zum Saisonschluss ausreichen sollte.

"Podium in allen Disziplinen"

Und dass es beim Weltcupfinale im März in Soldeu nach dem Salto nullo in der Vorsaison wieder eine kleine Kristallkugel für den ÖSV gibt, scheint ein ebenso schwieriges Unterfangen zu werden. Bei den Ski-Damen ist derzeit keine einzige Läuferin in einer Disziplinenwertung unter den besten Drei, bei den Herren nur Matthias Mayer (Super G) und Manuel Feller (Slalom) als jeweils Dritte. An das Thema große Kristallkugel verschwendet nach dem Rücktritt von Marcel Hirscher derzeit ohnedies niemand einen Gedanken.

Doch von Krisenstimmung ist man im ÖSV weit entfernt - nicht nur, weil die Jännerklassiker und der Saisonhöhepunkt in Courchevel (6. bis zum 19. Februar) ja erst anstehen. Auch das Madonna-Ergebnis macht für ÖSV-Rennsportleiter Marko Pfeifer Lust auf mehr. "Sie sind richtig stark Ski gefahren. Ich weiß, dass wir jeder Zeit auch gewinnen können im Slalom. Es ist dicht an dicht."

Auch das bisherige Saison-Abschneiden sieht er in einem positiven Licht: "Wir sind in jeder Disziplin auf das Podium gefahren, das muss eine Nation erst machen." Überflieger wie der Schweizer Marco Odermatt oder der Norweger Aleksander Aamodt Kilde seien momentan in einer anderen Liga unterwegs. "Jetzt freuen wir uns auf Bormio und auf Jänner und Februar. Wir sind alle heiß und hungrig. Wir werden uns schon so präsentieren, dass wir auch zu Siegen kommen", meint Pfeifer.

Liensberger in Problemen

Großes Sorgenkind bei den Damen ist aktuell Katharina Liensberger: Die Doppelweltmeisterin und Olympia-Silbermedaillengewinnerin hat unter dem neuen Trainer Livio Magoni, der sie eigentlich zur Gesamtweltcupsiegerin formen sollte, völlig den Faden verloren. Selbst in ihrer Paradedisziplin Torlauf läuft es für die 25-Jährige nicht mehr - die Ränge 11, 8, 14 (sowie ein Ausfall) sind eine einzige Enttäuschung. Die Vorarlbergerin übt sich derweil in Durchhalteparolen, gesteht eine "nicht ganz so leichte Situation" ein: "Bis sich die Änderungen gut einspielen, benötigt es Zeit."