Mit Grippe-Symptomen war Stefan Kraft zur Vierschanzentournee gereist und in Oberstdorf fast in der Qualifikation gescheitert. Nach dem Auftaktspringen am Donnerstag ist der Skisprung-Weltmeister aber wieder Österreichs heißestes Eisen im Kampf um den Tourneesieg. "Ich bin megahappy", freute sich Kraft im Zielraum, dem Salzburger war die Erleichterung deutlich anzumerken. "Ich habe echt gedacht, dass ich krank werde." Nun sei er aber wieder gesund und voller Energie.

Der Ruhetag am Freitag, an dem das ÖSV-Team aus dem Allgäu zum nächsten Teamquartier nach Leutasch in Tirol reiste, kommt Kraft sehr entgegen. "Ich hoffe, dass ich noch einmal ein bissl Energie zurückbekomme. Ich habe sehr viel investiert, damit es auf der Schanze passt. Deshalb g’scheit Energie tanken, dann wird das schon wieder", war der Weltrekordhalter zuversichtlich. Auch ÖSV-Cheftrainer Andreas Widhölzl war angesichts der Umstände zufrieden. "Er ist echt gut gesprungen. Es hat am Anreisetag überhaupt nicht so ausgeschaut, dass er gewinnen kann", betonte der Coach. Mit dem Sieg hatte Kraft vor 25.000 jubelnden Zuschauern in Oberstdorf nichts zu tun, zu stark war der Norweger Halvor Egner Granerud. Der 26-Jährige sprang auf der Schattenbergschanze zweimal Bestweite, obwohl sein österreichischer Coach Alexander Stöckl den Anlauf verkürzen ließ.

Granerud selbst sprach danach von zwei "fast perfekten" und einmaligen Sprüngen, im Gesamtranking führt er bereits deutlich vor dem polnischen Zweiergespann Piotr Zyla (+13,4 Punkte) und Weltcup-Leader Dawid Kubacki (+17,5). Kraft liegt 20,4 Punkte zurück, dazwischen hält Karl Geiger (+18,8) die deutschen Hoffnungen am Leben. Aber: Bereits vor zwei Jahren startete Granerud mit fünf Weltcup-Siegen hintereinander als Topfavorit in die Tournee, lag zur Halbzeit in Führung, stürzte dann allerdings am Bergisel ab. "Hoffentlich läuft es besser als das letzte Mal, als ich die Vierschanzentournee angeführt habe", erklärte Granerud. Die klare Führung nahm er aber gerne zum Neujahrsspringen am Sonntag (14 Uhr/ORF1) nach Garmisch-Partenkirchen mit. "13 Punkte sind mehr als null", sagte er und schickte gleich eine Kampfansage an die Konkurrenz: "Mir gefällt Garmisch am besten von den vier Schanzen, deswegen freue ich mich schon."

Die Freude auf das Neujahrsspringen müsste sich bei Kraft eigentlich in Grenzen halten, den "Garmisch-Fluch" sieht das ÖSV-Ass aber als gar nicht so bedrohlich an. "Ich freue mich, ich bin echt sehr gut drauf", betonte Kraft, er springe heuer so konstant wie schon lang nicht mehr. Eine Änderung nahm der Tourneesieger von 2014/15 trotzdem vor, nachdem er seine Tournee-Chancen hier fünf Mal in Serie mit den Plätzen 31, 49, 13, 28 sowie einem Qualifikations-Aus im Vorjahr aus der Hand gab. "Ich war heuer nie dort auf Training, ganz bewusst", sagte Kraft: "Wenn ich da frisch hinkomme, springe ich ganz gut."

Widhölzl ist jedenfalls zuversichtlich. "Von der Statistik her haben wir in Garmisch öfters gewonnen als in Oberstdorf. Auch in den Trainings in der Vergangenheit sind sie mit der Schanze immer gut zurechtgekommen", sagte er über seine Schützlinge. Während Daniel Tschofenig in Oberstdorf auf Platz acht sprang, erwischten Michael Hayböck (12.) sowie Manuel Fettner (13.) einen verpatzten Start bei schwierigen und wechselhaften Windbedingungen. "Natürlich habe ich mir meinen Auftakt anders vorgestellt. Bei dem Teilnehmerfeld ist es fast unmöglich, groß aufzuholen", sagte Fettner, der bei milden Temperaturen mit der Anfahrtshocke zu kämpfen hatte. Hayböck haderte mit dem im Vergleich zur Spitze deutlich stärkeren Rückenwind. Auch bei Jan Hörl (16.), Philipp Aschenwald (23.) und Clemens Leitner (35.) liegt der Fokus nun auf guten Einzelergebnissen.

Frauen-Tournee-Start 2023/24?

Während die Skispringer in Oberstdorf von 25.000 Fans bejubelt wurden, zeigte bei den Damen Eva Pinkelnig beim "Silvester Tournament" vor kleinerer Kulisse in Villach auf. Ihre Leistung wiederum stützt die jüngsten Bestrebungen im Kampf um "Schanzengleichheit" und eine baldige Einführung einer Frauen-Tournee. Das Pendant zur männlichen Ausgabe des Schanzen-Spektakels könnte 2023/24 zumindest teilweise realisiert werden.

Denn im kommenden Jahr sind alternierend zur Vierschanzentournee der Herren in Deutschland ein Springen in Garmisch-Partenkirchen sowie ein Neujahrsspringen der Frauen in Oberstdorf angedacht. Einen diesbezüglichen Antrag reichte der Deutsche Skiverband beim Weltverband FIS ein, wie ein DSV-Sprecher gegenüber der Austria Presse Agentur bestätigte.