Bei Olympia mag es dem uralten Motto zufolge ums Dabeisein gehen, doch bei einer WM zählen nur Gold, Silber und Bronze. Und bei einer Ski-WM aus österreichischer Sicht sowieso. Doch das war einmal. Denn Österreichs seit Dekaden erfolgsverwöhntes Alpin-Team wird bei der in knapp einem Monat beginnenden Ski-WM in Frankreich definitiv keine Medaillenbank sein. Und daher Probleme haben, das Startkontingent mit Läufern mit Edelmetallchancen aufzufüllen - schließlich gibt es durch die fünf Goldenen vor zwei Jahren in Cortina auch gleich fünf zusätzliche Startplätze für Rot-Weiß-Rot. Galt früher die Devise, dass nur zur WM geschickt wird, wer auch Chancen auf einen Top-Platz hat, so sollen heuer auch Platzfahrer die Gelegenheit zum Erfahrung-Sammeln auf der großen Ski-Bühne erhalten.

Besondere Problemzonen sind der Herren-Speedbereich nach dem Rücktritt von Matthias Mayer und diversen Verletzten (Max Franz), sowie die Techniksparte der Damen, die am Dienstagabend beim Nachtslalom in der Flachau auf die Wende hofft. Aus diesem Grund müssen bei den Titelkämpfen in Courchevel und Méribel (6. bis 19. Februar) nun Aushängeschilder wie Vincent Kriechmayr und Manuel Feller liefern, andere können nur überraschen. Fest steht, das Gedränge um die ÖSV-Startplätze war schon einmal größer.

Ein Garant für Medaillen war bei den zwei jüngsten Weltmeisterschaften der 31-jährige Kriechmayr. Vor zwei Jahren in Cortina krönte sich der Mühlviertler zum Doppelweltmeister in den Speed-Disziplinen. Dank seiner Explosion mitten in den Dolomiten kann ÖSV-Rennsportleiter Marko Pfeifer diesmal je fünf Startplätze in Abfahrt und Super G befüllen.

Nach Mayers Rücktritt gestaltet sich das aber gerade in der Königsdisziplin äußerst schwierig. Außer dem zweimaligen Rennsieger Kriechmayr - die einzigen ÖSV-Siege heuer - drängte sich in der Abfahrt bisher nur Daniel Hemetsberger mit Top-fünf-Rängen auf. Otmar Striedinger fehlt noch ein Top-Ten-Resultat - ebenso wie Stefan Babinsky und Julian Schütter, beide haben einen 22. Platz als bestes Ergebnis stehen. Im Super G wiederum sind Titelverteidiger Kriechmayr, Hemetsberger und Raphael Haaser in der Pole Position; Babinsky kann einen neunten Platz aus Bormio vorweisen, Marco Schwarz punktete als 24. in Beaver Creek. "Er ist auf jeden Fall ein Thema", sagte Pfeifer über den Allrounder.

Johannes Strolz fix dabei

In der WM-Kombination sind Titelverteidiger Schwarz, Olympiasieger und Slalom-Pechvogel Johannes Strolz und Haaser praktisch fix. Die übrigen zwei Plätze sollen an Männer gehen, die auch den Spezial-Super-G zwei Tage später bestreiten. Im Riesentorlauf scheinen Feller, Schwarz und Stefan Brennsteiner sicher, nach derzeitigem Stand wäre Haaser der vierte Mann für Courchevel. Ein wirkliches Gedränge dürfte es nur im Slalom geben: Feller und Schwarz sind gesetzt - Strolz kämpft mit Adrian Pertl, Fabio Gstrein und Michael Matt um die offenen zwei Tickets. "Ich muss mich da noch steigern. Jetzt im Slalom-Jänner muss ich mich präsentieren, dann hoffe ich, dass ich dabei bin", sagte Vizeweltmeister Pertl. Für die, die es nicht schaffen, dürfte es aber einen Trost geben: "Es könnte schon so sein, dass die zwei, die nicht fahren, im Parallelbewerb an den Start gehen", erklärte Pfeifer.

Umgekehrt ist die Situation bei den Frauen: Dort gibt es vor den beiden anstehenden Speed-Wochenenden in St. Anton und Cortina ein kleines Gerangel unter den ÖSV-Assen - Cornelia Hütter, Mirjam Puchner, Nina Ortlieb sitzen dank Stockerl- respektive Top-vier-Plätzen ziemlich sicher auf ihrem WM-Ticket. Arrivierten Kräften wie Ramona Siebenhofer, Stephanie Venier, Tamara Tippler und Nicole Schmidhofer droht die Zuschauerrolle vor dem TV-Gerät.

Die ÖSV-Technikerinnen hingegen werden den Kaderplanern viel weniger Kopfzerbrechen bereiten. Analog zu Kriechmayr ist Katharina Liensberger doppelte Titelverteidigerin, die Vorarlbergerin gewann vor zwei Jahren den Slalom und Parallelbewerb und ist trotz Formkrise wie auch Katharina Truppe gesetzt. Riesentorlauf-Spezialistin Ricarda Haaser und Franziska Gritsch bewiesen zuletzt aufsteigende Form.

Tatsache ist, die Zeiten, als sich selbst Siegfahrer in Qualifikationsläufen matchen mussten, sind längst passe. "Die große Selektion, wie wir sie um die 2000er-Jahre gehabt haben, wird sich nicht stellen - leider, das muss man so ehrlich sagen", diagnostiziert etwa ÖSV-Alpinchef Herbert Mandl. Aber Rennchef Pfeifer will "auf jeden Fall die Kontingente voll ausschöpfen": "Das ist auch eine Gelegenheit für junge Läufer, Läufer mit Potenzial, dass sie Erfahrungen sammeln." So würde er gerne dem Steirer Schütter oder einem anderen nachrückenden Jungen eine Chance geben.

Schließlich gibt es ja die große Perspektive der Heim-WM 2025 in Saalbach.(may)