Von einer Streif-light oder gar einer "leichten Streif" war in der Vergangenheit am ersten Trainingstag gerne die Rede. Wobei alle Rennläufer ganz genau wussten, dass sich die vermeintlich unspektakuläre Hahnenkammabfahrt mit jeder Fahrt, mit jedem Rutscher, mit jeder kalten Nacht in noch genau jene gefährlichste Rennpiste verwandeln wird, die schon den einen oder anderen ins Spital und hernach unfreiwillig in die Ski-Pension katapultiert hat. Vielleicht war es am Dienstag, dem ersten Trainingstag, genau dieser Respekt, der die Top-Akteure der Abfahrtsszene davon Abstand nehmen ließ, das l-Wort im Zusammenhang mit der Streif in den Mund zu nehmen - lieber lobte man die nahezu perfekte Präparierung der berühmtesten Strecke der Welt. "Die Piste ist hervorragend", befand etwa Doppelweltmeister Vincent Kriechmayr. Der Vorjahresdritte Daniel Hemetsberger fand es wiederum "sensationell, dass man in den Zeiten, wo es so warm war, so eine Piste herbringt". Und für den Speed-Dominator dieser Saison, Aleksander Aamodt Kilde, sei die Streif 2023 "eine der besten in Kitzbühel, die ich je gefahren bin".

Die Veranstalter werden das Lob dankend annehmen - schließlich haben sie in den vergangenen Tagen und Wochen auch ordentlich geschuftet, um bei zweistelligen Plusgraden alle Passagen mit ausreichend (Kunst-)Schnee zu versorgen. Zweifellos erfolgreich, wie das untypische Ambiente heuer im Zielschuss beweist: Die auf 782 Metern Seehöhe gelegene Gamsstadt ist seit Weihnachten schneebefreit, wie man links und rechts der Piste anhand der hervorstechenden grünen Wiesen unschwer erkennen kann. Dem Weltcupspektakel rund um die härteste Abfahrt der Welt tut dies freilich keinen Abbruch - solange sportliche Höchstleistungen geboten werden.

Trainingsschnellster am Dienstag war der US-Amerikaner Ryan Cochran-Siegle, der den Norweger Kilde um 12 Hundertstelsekunden distanzierte, Dritter war der für Deutschland startende Tiroler Romed Baumann (+0,15). Auch der Schweizer Weltcup-Leader Marco Odermatt mischte als Vierter im Vorderfeld mit (+0,22), während die anderen Mitfavoriten wie Kriechmayr, Beat Feuz und der Franzose Johan Clarey ihre Karten noch nicht aufdeckten.

Bester Österreicher beim ersten Abtasten war der Steirer Stefan Babinsky (+1,24) auf dem zehnten Platz. Etwas weiter zurück folgten Daniel Hemetsberger (14./+1,67) und Otmar Striedinger (17./+1,94). Julian Schütter (33./+2,78) und Felix Hacker (35./+2,85) waren knapp außerhalb der Top 30. Kriechmayr kam mit exakt drei Sekunden Rückstand auf Rang 40; Dreifachsieger Feuz, der in Kitzbühel seine letzten zwei Rennen bestreitet, bevor er sich in den Sportler-Ruhestand verabschiedet, war 32., nur auf den 45. Platz fuhr Clarey.

"Irgendwie fühle ich mich da ganz wohl", sagte Babinsky, der als Super-G-Siebenter 2021 sein bisher bestes Weltcup-Resultat geschafft hatte. Etwas Ähnliches würde ihm auch heuer vorschweben, um es dann auch fix zur WM nach Frankreich zu schaffen. "Ich möchte alles reinhauen, dass ich meine Leistungen im Rennen umsetzen kann."

Die im Vorjahr erstmals umgesteckte Querfahrt überraschte am Dienstag viele Athleten, sie ließen sich weit nach unten tragen und verpassten dann ein Tor. "Das unten ist speziell, aber auch kein Thema. Wir haben es ein bisschen falsch eingeschätzt. Ich bin den Spuren ein bisschen übermotiviert gefolgt", erklärte Kriechmayr. "Unten in der Traverse ist dieser Hügel ein bisschen größer. Wenn du ein bisschen die falsche Richtung hast, schaffst du es nicht. Da muss man ein bisschen anders fahren, nicht so wie früher." Für das Rennen werde das aber kein Problem sein.

Es wird frostig

Kein Problem sollte heuer auch die Wetterlage für die Hahnenkammrennen darstellen: "Es schaut nicht schlecht aus", hieß es am Dienstag von "GeoSphere Austria" in Innsbruck. Neuschnee und Wind dürften den Rennen nicht im Wege stehen, nur für Samstag könnte es bewölkt werden. Und: Es bleibt eiskalt. Die Temperaturen sollen auch tagsüber nicht aus dem Minus-Bereich kommen - sehr zur Freude der Pistenpräparierer.(may)