Wer zu den Allzeitgrößen im Ski-Rennsport zählen will, in dessen Biografie muss ein Triumph auf der Streif stehen. Erst recht, wenn er aus Österreich kommt: Toni Sailer, Karl Schranz, Franz Klammer, Patrick Ortlieb, Fritz Strobl, Hermann Maier, Stephan Eberharter, Matthias Mayer (um nur die Allerwichtigsten zu nennen) haben die härteste und legendärste Abfahrt der Welt schon gewonnen - seit Freitag darf sich auch Vincent Kriechmayr in diese Hall of Fame der Höllenritt-Champions einreihen. Der amtierende Weltmeister in der Königsdisziplin, der in Kitzbühel 2021 den Super G gewonnen, aber bisher als bestes Abfahrtsresultat Rang zwei anno 2020 beim Triumph von Mayer stehen hatte, entschied ein bis zum letzten Läufer spannendes, spektakuläres sowie sportlich hochklassiges Rennen für sich. Das einzig verbliebene Ass im dezimierten rot-weiß-roten Ski-Team stach - und zwar wie beim Mayer-Heimsieg vor drei Jahren wieder mit der Startnummer 13.

Doch diese "frühe" Nummer hätte sich beinahe als Pech erwiesen: Denn insbesondere im oberen Teil klarte es am Freitag nach und nach auf, zudem wurde das Gleitstück nach dem Steilhang sukzessive schneller - weshalb Kriechmayr fast bis zum Schluss um seinen Sieg zittern musste. Die Top Ten des Klassements lagen innerhalb von nur 0,74 Sekunden - die engste Abfahrt aller Zeiten bei den Hahnenkammrennen. Und unter diesen befand sich mit dem dreifachen Streif-Sieger Dominik Paris als Fünftem (+0,39) gerade ein einziger Top-Fahrer, der vorab für den Sieg in Frage kam. Den Südtiroler Überraschungsmann Florian Schieder (+0,23) verpasste sogar der ORF in seiner Übertragung - erst als er mit Startnummer 43 als Zweiter abschwang, war man im Bilde. Das Siegerfoto komplettierte Niels Hintermann (+0,31), der überraschend bester Schweizer wurde.

Kriechmayr war zwar gegenüber den nachkommenden Konkurrenten im Gleitstück chancenlos und verlor dort eine gute Sekunde auf die Schnellsten - doch mit einer Fabelzeit im oberen Abschnitt (Mausefalle, Karussell und Steilhang) sowie bei den Super-G-Kurven zwischen Seidlalm und Hausbergkante entschied er das Rennen knapp für sich. "Perfekt war sie nicht", merkte der 31-jährige Mühlviertler, Landwirt-Sohn aus Gramastetten, im Zielraum an. "Aber es war 100 Prozent Risiko." Und beinahe wäre ihm dieses zum Verhängnis worden, da er bei der Querfahrt nach der Hausbergkante, die diesmal wieder viele vor Probleme stellte, zu weit nach unten abgetragen wurde und noch einmal Zeit einbüßte. "Deswegen konnte ich das Tempo in den Zielschuss nicht mitnehmen. Aber sonst war ich voll am Limit, es war sicher eine sehr, sehr, sehr gute Fahrt." Und die erste goldene Gams in der Kitz-Abfahrt bringt auch einen großen Schuss Genugtuung, denn in den vergangenen beiden Jahren wollte er es in Kitzbühel erzwingen - landete dann aber schwer enttäuscht nur auf den Plätzen 17, 13, 13 und 9.

Nun darf er sich - nach Doppel-WM-Gold in Cortina und der Super-G-Kristallkugel (beides 2021) - endlich auch die Krone im Abfahrtsrennsport aufsetzen: "Dass ich mich Kitzbühel-Sieger nennen darf, wie viele andere Legenden, ist natürlich sehr großartig", sagte Kriechmayr, der am Samstag (11.30 Uhr) nun sogar die Chance auf das seltene Streif-Double hat. Doch auch so ist der Heim-Triumph vor frenetischem Publikum ein Karrierehighlight und weit über den Super-G-Sieg in Pandemiezeiten zu stellen. "Ich fahre gern Super G, aber es ist kein Geheimnis, dass die Abfahrt einen höheren Stellenwert hat. Es ist die wichtigste Abfahrt im Kalender. Erst recht für uns Österreicher." Und vielleicht hat auch die Nummer 13 eine kleine Rolle gespielt. "Ich habe mich sehr gefreut, als ich das heute in der Früh gesehen habe", erzählte Kriechmayr. Und zwar nicht aus Aberglauben, sondern weil ihm der Erfolg des in Bormio zurückgetretenen Teamkollegen damals so gefreut hatte. Der Erfolg in Kitzbühel ist für den Oberösterreicher der 15. Weltcupsieg in seiner Karriere, der 8. in der Königsdisziplin - wobei er auch schon die Klassiker in Wengen, Bormio und Gröden (auf verkürzter Strecke) für sich entschieden hat.

Kilde und Odermatt entgehen knapp Horrorstürzen

Die beiden Top-Favoriten auf den Streif-Sieg - Speed-Dominator Aleksander Aamodt Kilde und Weltcup-Leader Marco Odermatt - lieferten indes (unfreiwillig) die spektakulärsten Bilder des Hahnenkamm-Auftakts. Zunächst riskierte der Schweizer im Steilhang zu viel, konnte aber auf einem Ski noch akrobatisch einen Einschlag im Netz verhindern - die Zeit war weg, das Knie leicht lädiert. Weshalb der Superstar der Eidgenossen am Samstag pausieren wird. Auch Kilde, mit gebrochener Hand angetreten, wäre bei der Zielschusseinfahrt beinahe mit einem Ski in die Bande geraten; am Ende wurde er 16. (+0,97). Zwei Ränge vor ihm klassierte sich mit Otmar Striedinger (+0,88) nur ein weiterer Österreicher noch in den Punkterängen.