• vom 04.02.2011, 15:02 Uhr

Ski

Update: 21.11.2017, 09:24 Uhr

"Zu meiner Zeit waren die Pisten viel gefährlicher"

Nicola Werdenigg-Spieß




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Von Gerald Schmickl

  • Die ehemalige Skirennläuferin Nicola Werdenigg-Spieß über die Brutalität des alpinen Rennsports früher und heute, das Ausleseverfahren des ÖSV - und über die Individualisierung der Skitechnik.

Wiener Zeitung: Frau Werdenigg-Spieß, wie sehen Sie als ehemalige Skirennläuferin die heutige Situation des Skirennsports, vor allem, was dessen Gefährlichkeit anbelangt. Sind die schweren Unfälle österreichischer Läufer in letzter Zeit eine Verkettung unglücklicher Umstände, oder sind sie systemimmanent?

Nicola Werdenigg-Spieß: Also ich sehe es schon als eine Verkettung unglücklicher Umstände, aber diese sind wiederum zum Teil bewusst gemacht. Was die Gefährlichkeit angeht, so war die zu meiner Zeit, also in den Siebzigerjahren, noch weit höher. . .


. . . noch höher? Das überrascht jetzt!

Ja, damals gab´s Tote - und noch viel mehr Verletzte! Wir mussten auf Strecken fahren, die ganz schlecht gesichert waren: Es gab keine Netze, sondern bestenfalls Strohballen, die auf Bäume gehängt wurden. Wenn es geregnet hat und wieder kälter wurde, waren diese Strohballen Eisklumpen. Und unsere Höchstgeschwindigkeiten waren auch nicht viel geringer als heute: meine war 143 km/h! Und die Burschen fuhren damals schon über 150 km/h.

Was in der Zwischenzeit passiert ist, ist Folgendes: Damit die Streckenrekorde nicht dauernd purzeln, hat man begonnen, Kurven in die Pisten einzubauen - und gefahren mit dem heutigen Material, entstehen in diesen Kurven Geschwindigkeiten, die im kritischen Bereich liegen.

Das heißt, die Kombination aus Kurven, Material und den Höchstgeschwindigkeiten ist der Systemfehler?

Richtig, das ist - wenn man es so nennen will - der Systemfehler. Wenn man etwa das Abfahrtsrennen in Kitzbühel angeschaut hat, dann war die Streif heuer nicht viel gefährlicher als die Jahre zuvor. Aber es gab nur eine Trainingsfahrt. Wir hatten zu unserer Zeit fünf bis sechs Trainings, konnten uns die Strecken langsam erarbeiten. Die heutigen Fahrer müssen eine veränderte Piste in nur einer Trainingsfahrt erkunden - und dabei sofort Vollgas geben. Das ist dem armen Hans Grugger buchstäblich auf den Kopf gefallen.

Ist die geringere Anzahl an Trainingsfahrten dem dichten Weltcup-Kalender geschuldet?

Zum Teil ja. Früher gab es halt in Kitzbühel eine Abfahrt und einen Slalom. Jetzt gibt es auch noch einen Super-G - und damit einen Trainingstag weniger. Ich finde, es müssten mindestens drei Trainingsfahrten zwingend vorgeschrieben werden.

Was wären aus Ihrer Sicht weitere Maßnahmen, um die Rennen sicherer zu machen?

An den Pisten und Strecken, zumindest im mitteleuropäischen Raum, kann man nicht mehr viel machen. Es gibt hohe Sicherheitsauflagen - und die werden auch erfüllt. Woran man derzeit arbeitet, sind Airbags für Läufer. Wobei ich mich frage, ob es sich in Anbetracht des aktuellen Entwicklungsstands nicht eher um einen PR-Gag handelt. Denn diese Airbags müssten im Sturzfall vom Läufer selbst händisch ausgelöst werden!

Wo sollten diese Airbags überhaupt platziert werden?

Im Schulter- und Rumpfbereich. Und dort müssten sie eben, wie gesagt, händisch ausgelöst werden, so wie Lawinen-Airbags. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ein Läufer, wenn er stürzt, noch Zeit hat, diesen Mechanismus zu betätigen. Ich glaube, es muss endlich einmal an einem ganzheitlichen Konzept der Materialveränderung gearbeitet werden.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Man hat bisher immer nur kleine Veränderungen da oder dort vorgenommen, aber nie darauf geachtet, was diese im Gesamten bewirken. Zuerst hat man die Breiten der Carving-Skier verändert, dann wurden - als viele Läufer auf den Skischuhen wegrutschten - Erhöhungsplatten eingeführt. Später wurden diese wieder verändert. Es war immer nur Stückwerk. Und jede Firma hat die Freiheiten, die gewisse Längen- oder Breitenvorschriften zuließen, schonungslos ausgenutzt, um ihr Material schneller zu machen. Dabei kamen Skier heraus, die nur mehr unter dem Bindungsbereich gegriffen haben - und wie Schlittschuhe funktionierten, also höchst gefährlich waren, vor allem für die Knie. Es gehört also ein Gremium mit Technikern und Skientwicklern her, das - ähnlich wie in der Formel 1 - ein Gesamtkonzept erarbeitet, damit sowohl die Performance als auch die Sicherheit stimmt.

Was sind denn neben den Sicherheitsaspekten, die damals noch weniger berücksichtigt wurden, weitere Hauptunterschiede zu früheren Zeiten?

Es hat damals, als die Branche noch nicht derart professionalisiert war, einfach mehr Typen gegeben, die sich getraut haben, den Mund aufzumachen, Männer wie Bernhard Russi oder wie auch mein Bruder, Ulli Spieß. Die gibt es, soweit ich sehe, heute nicht mehr.

Sind die heutigen Rennläufer weniger engagiert, oder sogar mutloser?

Das glaube ich nicht. Es liegt eher daran, dass ein System wie der ÖSV, der den Läufern, oft schon von Kindesbeinen an, alles abnimmt, Eigenschaften wie Mündigkeit nicht fördert. In Kitzbühel war es typischerweise ein Einzelläufer, nämlich Ivica Kostelic, der gefordert hat, die Mausefalle zu entschärfen. Sofort wurde ihm für diese Wortmeldung von der FIS eine Strafe angedroht. Ja, wo kommen wir denn da hin, wenn ein Läufer nicht einmal mehr seinen Mund aufmachen darf!? Es gibt ja einen Läufervertreter der FIS, Kilian Albrecht, der früher für Österreich, dann für Bulgarien gefahren ist, und der regelmäßig an der Aufgabe verzweifelt, Rennläufer verschiedener Nationen unter einen Hut zu bekommen.

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Dokument erstellt am 2011-02-04 15:02:00
Letzte Änderung am 2017-11-21 09:24:52



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