Bei den Damen gibt es mit Anja Pärsson ja auch eine Sprecherin, die sich für die Belange aller Läuferinnen einsetzt.

Ja, aber auch sie kann nicht viel machen. Wobei sich Pärsson als Schwedin leichter tut, etwas Kritisches zu sagen, als etwa eine ÖSV-Läuferin, hinter der 15 andere bereits auf einen Startplatz warten. Da wird man vorsichtig mit dem, was man sagt. Das hat man ja auch am Beispiel von Kilian Albrecht gesehen, dem einst vom ÖSV übel mitgespielt wurde. Nachdem er Kritik geübt hatte, ist er plötzlich nicht mehr aufgestellt worden. Er hat dann einen Skiclub in Dubai gegründet, und wollte für dieses Land fahren, was aber nicht geklappt hat. So hat es ihn nach Bulgarien verschlagen, für welches Land er - nachdem er drei Jahre um seine Freistellung vom ÖSV gekämpft hat - schließlich starten durfte.

Das erinnert an Ihr eigenes Schicksal. Auch Sie waren jemand, der sich den Mund nicht verbieten lassen wollte, und wurden 1979 vom ÖSV für drei Monate gesperrt. Wollten Sie damals auch für ein anderes Land an den Start gehen?

Ja, ich wollte für den Iran Skirennen bestreiten. So wie Elena Matous, eine tschechischstämmige Läuferin, die zuerst für Italien und San Marino, dann für den Iran gefahren ist. Mit der war ich befreundet. Als ich beim ÖSV um meine Freistellung bat, wurde mir eine Stehzeit von drei Jahren angedroht. Da habe ich es bleiben lassen - und mich dafür entschieden, zu studieren und meinen Traumberuf zu ergreifen, für den ich seit meinem dritten Lebensjahr schwärmte, nämlich Skilehrerin zu werden.

Wie ist Ihr heutiges Verhältnis zum ÖSV?

Ich habe Verbindungen zu einigen Läufern und Trainern, und ich führe gelegentlich einen Dialog mit Peter Schröcksnadel.

Wie ist Ihre Sicht des Langzeit-ÖSV-Präsidenten. Ist er mehr Motivator oder Diktator?

Zu Beginn hat Schröcksnadel für den ÖSV Großartiges geleistet. Er hat ihn zu einem blühenden wirtschaftlichen Unternehmen gemacht - und die Basis für viele positive Entwicklungen gelegt. Aber schließlich ist er ein Opfer dessen geworden, was mein Freund und Schulkollege Toni Innauer einmal die "Industrialisierung des Erfolgs" genannt hat. Heute gibt es im ÖSV kein Coaching mehr, kein gezieltes Hinführen junger Menschen zum Sport, sondern einen beinharten Selektionsprozess. Es geht nur mehr um Spitzenleistungen. Wer durch Verletzungen oder sonstige Missgeschicke kurzzeitig ausfällt, ist meistens ganz weg.

Und wie sieht es mit der Nachwuchsförderung im ÖSV aus?

Da läuft auch vieles falsch. Ich würde jungen Menschen zuerst einmal ein breites Spektrum an Bewegungsmöglichkeiten anbieten, bevor ich mit dem spezifischen Training beginne. Und nicht schon mit fünf, sechs Jahren bereits mit drei Paar Skiern bei Kleinkinderrennen antanzen. Aber das liegt weniger am ÖSV, sondern mehr an den ehrgeizigen Eltern. Die fördern dieses System der Auslese von Kindesbeinen an. Oft haben sie selbst etwas verabsäumt, was nun die Kinder für sie leisten sollen. Dabei bleiben viele auf der Strecke. Manche sind bereits mit 15, 16 Jahren körperlich schwer gehandicapt, haben kaputte Gelenke und kranke Seelen.

Kommen wir zu Ihrem weiteren Lebens- und Karriereweg. Sie sind als Skilehrerin vehement für die Erweiterung des Skisports eingetreten, etwa durch die Verbindung mit anderen Bewegungsformen, wie Bioenergetik oder Feldenkrais.

Ich habe gleich nach Abschluss meiner Rennkarriere die Ausbildung zum Skilehrer gemacht - und habe das, was man uns gelehrt hat, als Witz empfunden. Viel zu wenig Didaktik, fast nur Methodik. Ich habe dann mit Behinderten gearbeitet, und dabei all das gelernt, was mir heute zugute kommt. Wie etwa meine Erfahrungen mit der Feldenkrais-Methode. Das war für mich viel wichtiger als die reine Skitechnik, die ich sowieso beherrsche. So konnte ich ein neues Verständnis und Bewusstsein von Bewegung entwickeln. Ich bin eine Vertreterin neuer pädagogischer Ansätze. Skifahren ist ja so einfach geworden. Mit heutigem Material kann nahezu jeder innerhalb von zwei Stunden lernen, eine blaue Piste schön herunter zu fahren.

Sie vertreten also einen individualisierten Stil, und keine standardisierte Norm, die alle Skiläufer stilistisch über einen Kamm schert?

Ich fördere das eigene Empfinden und Fühlen von Bewegung, keine spezielle Technik. Jeder soll so fahren lernen, wie es ihm und seinen Möglichkeiten entspricht. Jeder soll seine individuellen Anlagen in eine Bewegung überführen, die man fürs Skifahren optimieren und veredeln kann. Wenn Leute zu mir kommen, kriegen sie eine Übung, und wollen danach immer sogleich wissen, wie sie dabei ausgesehen haben. Doch ich frage sie dann stets, wie sie sich dabei gefühlt haben. Da sind sie im ersten Moment baff - und sprachlos. Aber nach zwei Stunden bekommen sie ein Gefühl für ihre eigene Beweglichkeit - und auch dafür, dass es ganz egal ist, wie das, was sie machen, nach außen hin wirkt und ausschaut. In Österreich ist man halt noch immer sehr wedel-fixiert . . .

. . . Das geht anscheinend nicht aus den Köpfen, und vor allem nicht aus den Beinen heraus!

Ja, das Wedeln ist fast so repräsentativ wie die Hofreitschule.