Sie sind aber auch eine Pionierin der Carving-Technik. War deren Einführung eine Art Quantensprung im Skilauf?

Absolut. Meine Eltern, die ja in den 40er und 50er Jahren ebenfalls Top-Rennläufer waren, hatten interessanterweise viel tailliertere Skier als wir. Diese haben sich aber nur deswegen nicht durchgesetzt, weil die ersten Kunststoffbeläge auf dieser Taillierung nicht gehalten haben. Es gab in den 70er Jahren erste Patente auf Carving-Skier. Im Massensport haben sie sich aber erst ab 1997 durchgesetzt.

Gab es seit damals Weiterentwicklungen?

Es gab Verfeinerungen. Denn es ist ja nicht die Taillierung alleine, es ist auch die Elastizität, die ein bestimmtes Fahrgefühl ermöglicht. Außerdem sind die Skier in der Mitte sehr breit geworden, was dem Hobbyfahrer sehr entgegenkommt, weil er dadurch mehr Stabilität hat. Derzeit wird mit der sogenannten Rocker-Technik experimentiert, wobei die Skischaufeln mehr in die Höhe gebogen werden. Aber so etwas Gravierendes wie die Taillierung ist derzeit nicht in Sicht. Ich bin gespannt, was noch kommen wird.

In welche Richtung könnte es gehen?

Am ehesten sind Entwicklungen im Skischuh-Bereich zu erwarten. Man braucht mehr Bewegungsfreiheit im Schuh. Das Sprunggelenk muss beweglich sein, damit man die Carvingtechnik nutzen kann. Eines der Geheimnisse von Ivica Kostelic ist es, dass er seine Skischuhe oben offen hat. Man muss sich einmal anschauen, wie weit der mit den Knien nach vorne kommt! Auch Marcel Hirscher, Carlo Janka oder Lara Gut fahren einen solch extremen Stil. Und der ist, wenn man schnell sein will, unabdingbar.

Sind die Entwicklungen im Rennsport mit jenen für den Breitensport noch kompatibel?

Die Rennskier sind für den Breitensport völlig ungeeignet. Die verlangen so viel Kontrolle, dass man als Normalverbraucher nach einem Tag völlig fertig ist. Das ist ein gefährliches Missverständnis, wenn gute Skifahrer glauben, sie müssen solch aggressive Luder haben. Damit tun sie sich nichts Gutes. Die Industrie steckt leider viel zu viel Forschungsgeld in den Rennbetrieb, und tut zu wenig für den Breitensport. Eine Firma wie K2, die nicht in den Rennsport involviert ist, hat in Amerika die Nase bzw. Skispitze auch deswegen vorne, weil sie an den Bedürfnissen der Normalverbraucher orientiert ist.

Nun haben Sie selbst ja auch Erfahrung im Herstellen und Vermarkten von Skiern, da Sie - gemeinsam mit Ihrem Mann, Erwin Werdenigg - 2004 die Skifirma "edelwiser" gegründet haben. Wie kam es dazu?

Ich habe bei meinen Skikursen immer wieder die Erfahrung gemacht, dass mit den langen Latten, die früher üblich waren, vieles nicht möglich ist. Und so habe ich immer zu den Snowboardern hinübergeschielt, die viel mehr natürliche Bewegungsmöglichkeiten haben. Dann habe ich zufällig Reinhard Fischer getroffen, der damals mit sogenannten "Snowridern" experimentiert hat, indem er Snowboards einfach auseinander geschnitten hat. Fischer ist dann bald in Pension gegangen, und so kam die Idee auf, dass wir selbst eine Firma gründen, die Skier in kleinen Manufakturen nach unseren Vorgaben herstellt.

Ihr besonderes Markenzeichen wurde dabei, dass man sich als Kunde den Ski selbst über ein Grafikprogramm im Internet designen kann. Wie erfolgreich wurde dieses Geschäft?

Das ist medial auf großes Interesse gestoßen, und wir hatten auch zahlreiche Kunden, u.a. sogar das Bundesheer, aber es war schwierig, auf größere Stückzahlen zu kommen. Mittlerweile mussten wir kräftig redimensionieren und werken nun als kleiner Handwerksbetrieb. So sind wir heuer bereits ausverkauft, weil wir nicht mehr so viele Skier auf Lager haben.

Was sind die beliebtesten Motive beim Eigendesign?

Die sind sehr verschieden. Kürzlich haben wir das Foto von jemandem, der am ganzen Körper tätowiert ist, in eine Skioberfläche umgesetzt. Wir haben aber auch schon für einen Pfarrer das apostolische Glaubensbekenntnis auf Skier gebannt. Und einmal wollte ein Mann sein stolzestes "Ding" am Ski abgebildet haben - das haben wir ihm aber ausgeredet . . .

Zum Schluss noch eine Frage nach Ihrem Bruder, Ulli Spieß, dem ersten Rennläufer, der in Gröden die Kamelbuckel übersprungen hat. Wie geht es ihm?

Dem geht es sehr gut. Die Skischule in Mayrhofen, die unsere Eltern gegründet haben und die er viele Jahre lang leitete, hat er mittlerweile aufgegeben. Er hat nun die ehemalige Skischulhütte zu einem Berggasthof mit feiner Après-Ski-Bar umfunktioniert, und er ist bereits dreifacher Großvater!

Zur Person

Nicola Werdenigg-Spieß, geboren 1958 in Innsbruck (als Tochter der Skirennläufer Erika Mahringer und Ernst Spieß), ist eine ehemalige Skirennläuferin. Bereits als 14-Jährige wurde sie in den Nationalkader des Österreichischen Skiverbandes aufgenommen und bestritt 1973 ihr erstes Weltcuprennen. Ihre größten Erfolge feierte sie in der Abfahrt: zwischen 1973 und 1979 erreichte sie vier Podestplätze im Skiweltcup. 1975 wurde sie österreichische Meisterin, bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck belegte sie im Abfahrtslauf Rang vier.

Aufgrund ihrer Teilnahme an den Akademischen Meisterschaften 1979 (sie hätte eigentlich in einem Europacuprennen starten sollen) wurde Nicola Spieß für drei Monate vom ÖSV gesperrt. Diese Sperre wurde zwar am Saisonende revidiert, jedoch verlor sie wichtige Punkte. Der Wechsel zu einer anderen Nation wurde ihr vom ÖSV aber nicht ermöglicht, schließlich beendete sie 1981 ihre Sportkarriere. Als Diplomskilehrerin und Skiführerin hat Nicola Werdenigg-Spieß eigene Unterrichtsmethoden nach bioenergetischen Konzepten entwickelt - und gilt als Carvingpionierin. Gemeinsam mit ihrem Mann Erwin Werdenigg hat sie 2004 in Wien die Skifirma "edelwiser" gegründet. Und seit 2000 betreibt sie die Internetplattform Kunstpiste u.a. mit einem "Skilexikon" und einer "Kurven-Schule". Nicola Werdenigg-Spieß hat drei Kinder.

Gerald Schmickl, geboren 1961, ist Ressortleiter des "extra". In seinem Roman "Zweiter Durchgang" (Deuticke 2004) beschäftigt er sich mit dem Damen-Skirennsport. Mitte Februar erscheint sein Essayband "Lob der Leichtigkeit" in der Edition Atelier.

Siehe auch:

Heidenangst vorm Hahnenkamm