Stockholm. Wer nicht weiß, dass ein handfester, fast schon ideologischer Streit im Hintergrund tobt, würde keinen Unterschied erkennen. Wenn am Samstag (15 Uhr) die besten Freestyle-Snowboarder im Stockholmer Olympia-Stadion um Weltcup-Punkte über die Big-Air-Schanze hüpfen, dann ist das für Außenstehende ein Snowboard-Event wie jeder andere. Mit allem Klimbim, das man sich als Beilage so vorstellen kann: Bands, eine Moto-Cross-Show und eine gepflegte After-Show-Party.

Doch diese Veranstaltung unter dem Namen "Stadium Winterjam" findet unter Patronanz des internationalen Skiverbandes FIS statt, jener Institution, die sich jüngst erneut den Zorn der weltbesten Freestyle-Snowboarder zugezogen hat. Die lassen sich nur gelegentlich bei FIS-Veranstaltungen blicken und ziehen ansonsten in der 2002 von Snowboardern gegründeten Ticket-to-Ride-Tour (TTR), die sich im Gegensatz zum FIS-Weltcup auf Freestyle-Bewerbe konzentriert, um den Globus. Das ging so lange einigermaßen gut, bis das Internationale Olympische Komitee (IOC) im vergangenen Sommer den Slope-Style-Bewerb, quasi eine TTR-Erfindung, olympisch machte.

In Sotschi wird es 2014 in dieser Disziplin, in der die Boarder einen Hindernisparcours auf möglichst spektakuläre Weise bewältigen müssen, erstmals um Olympia-Medaillen gehen. Da das IOC um den Anschluss an die Jugend dieser Welt fürchtet, werden vermehrt auch junge Bewerbe ins Programm aufgenommen. Auf der TTR-Tour gehört Slope-Style schon seit der Gründung zum Fix-Programm, die FIS vergab erst heuer erstmals WM-Medaillen in dieser Disziplin. Der Weltmeister, Seppe Smits aus Belgien, überwiegend auf der TTR-Tour unterwegs, sagte damals nach dem Bewerb: "Der Parcours und die Bewertung waren nicht ideal."

Stars denken an Boykott

Nun will aber die FIS alleine für die Olympia-Qualifikation im Slope-Style zuständig sein. Sie war bisher alleiniger Ansprechpartner des IOC in Sachen Snowboard, nachdem sich in der Urzeit des olympischen Snowboardens in den 90er Jahren die FIS-Konkurrenzserie ISF ebenfalls in der Frage nach der Qualifikation im Konflikt mit dem Skiverband aufgerieben hatte und eingegangen war. Um das zu vermeiden, ging die TTR auf die FIS zu, um einen gemeinsamen Qualifikationsmodus zu kreieren.

Vergangene Woche hat der Skiverband allerdings den Vorschlag der TTR, je vier TTR- und FIS-Events als Qualifikation gelten zu lassen, zurückgewiesen. Man wolle zwar kooperieren, aber nach FIS-Regeln, heißt es von Seiten des Skiverbandes. Das führte aufseiten der Freestyler zu einem Sturm der Entrüstung. TTR-Präsident Reto Lamm, der Schweizer ist selbst ehemaliger Snowboarder, antwortete: "Niemals in der Geschichte des Snowboardens war die Tür für eine vernünftige Zusammenarbeit von TTR und FIS so weit offen. Mit dieser Antwort ist die Hoffnung auf ein gemeinsames Qualifikationssystem für die absehbare Zukunft verschwunden." Für 2018 könne erneut über den Modus verhandelt werden, entgegnet die FIS. Sebastien Toutant, einer der weltbesten Freestyler und vergangenes Jahr Gewinner des Stockholmer Winterjams, sagt auf ESPN.com: "Wenn du dich entscheiden musst, nimmst du die TTR-Tour. Niemand will FIS-Bewerbe fahren, die niemanden interessieren."

Tatsächlich ist man sich auch in der FIS bewusst, im Freestyle-Bereich der TTR-Tour unterlegen zu sein. So sagte Ross Palmer, Mitglied des FIS-Snowboard-Komitees aus Neuseeland, beim jüngsten FIS-Meeting in Zürich: "Unsere Bewerbe werden nicht als hip oder cool wahrgenommen. In den Freestyle-Disziplinen sind wir nicht führend. Tatsächlich ist die Wahrnehmung, dass wir die Regeln machen, weil wir die Olympia-Medaillen vergeben."

In Freestyler-Kreisen machen schon Ideen eines Olympia-Boykotts die Runde. So wie es Terje Håkonsen, Gründer der TTR-Tour, 1998 bei den ersten Snowboard-Bewerben der Olympia-Geschichte als damals weltbester Freestyler gemacht hat. Er wollte sich nicht von der FIS die Regeln diktieren lassen. Nun schreibt er in einem E-Mail an das "Snowboarder Magazine", "wir haben gewusst, dass sie Nein sagen wird, denn die FIS schützt ihr Monopol." Toutant sagt zu einem möglichen Boykott: "Wenn alle Fahrer Nein sagen, dann bin ich dabei. Aber ich will nicht wie Terje der Einzige sein, der es tut."