Vikersund. Gregor Schlierenzauer hat es ganz einfach: dieses Gefühl für die großen Schanzen, das Gespür der Schwerelosigkeit beim Skifliegen und noch dazu die körperlichen Voraussetzungen. Bis zu seinem WM-Titel vor vier Jahren, als er sich mit 18 zum jüngsten Skiflug-Weltmeister aller Zeiten kürte, hatte er noch keinen einzigen Bewerbssprung in dieser Disziplin in den Beinen gehabt. Mittlerweile ist er mit 243,5 Metern, drei Meter hinter der Welthöchstweite (vor der Qualifikation für die WM in Vikersund; nach Redaktionsschluss) österreichischer Rekordhalter und auch an Weltcupsiegen gemessen der erfolgreichste Weitenjäger des Landes.

Und wenn man den Tiroler nach dem Gefühl in der Luft fragt, ist "einfach nur geil" jene Antwort, die man am häufigsten zu hören bekommt. Trotz Problemen beim Bindungs-Schuh-System, die ihn zuletzt einige Meter, Nerven und Stunden bei Materialtests gekostet haben, ist sein Stützpunkttrainer Markus Maurberger daher überzeugt, dass Schlierenzauer bei der am Freitag mit dem ersten Springen (16.30 Uhr) beginnenden WM in Vikersund zu den Topfavoriten zu zählen ist: "Das Fliegen ist sein Wohnzimmer, da blüht er auf. Wenn er reinkommt, geht ordentlich die Post ab."

Trotzdem: Der reine Genuss ist Skifliegen auch für die Weltbesten nicht immer, zumindest nicht zu dem Zeitpunkt, an dem man am Zitterbalken sitzt und auf die Freigabe wartet. "So richtig pudelwohl fühlt sich da oben niemand. Du schaust hinunter und weißt: Jetzt hilft dir keiner mehr, jetzt bist du ganz auf dich alleine gestellt", sagt Maurberger. Schlierenzauer selbst würde das freilich nie so aussprechen, bestenfalls von Respekt reden. Sein Trainer meint: "Darüber zu sprechen wäre auch nicht sinnvoll, dann fängt man zu viel zum Nachdenken an." Und dann kann’s richtig gefährlich werden. Denn auch für die Topathleten ist Skifliegen alles andere als Business as usual, der Adrenalinkick immer dabei. Wie man mit ihm fertig werde, sei ein wesentlicher Aspekt, der einen sehr guten Springer von einem überdurchschnittlichen Flieger à la Schlierenzauer oder Martin Koch unterscheidet. "Wenn man von so einer Schanze einmal eine Verwarnung bekommen hat, sitzt das extrem lange im Hinterkopf."

Theoretisch erlernbar, praktisch nicht

Das alleine erklärt allerdings noch nicht, warum manche auf Anhieb in größte Weiten vordringen, andere es Zeit ihrer Karriere nie so hundertprozentig hinkriegen. Andreas Kofler, der wie Schlierenzauer am Stützpunkt Innsbruck von Maurberger betreut wird, gehört zu dieser Kategorie. Auch er ist ein hochdekorierter Springer, hat in seiner schon zehn Jahre währenden Laufbahn bei Großveranstaltungen zahlreiche Medaillen sowie einmal die Vierschanzentournee gewonnen und zu Beginn dieser Saison den Gesamtweltcup angeführt. Nur als Flieger ist er halt nicht gerade geboren, und ein solcher wird er vermutlich auch nicht mehr werden. "Von ihm kann man natürlich keine bestimmte Platzierung erwarten, er muss das Ganze erst lieben lernen und sein System auch auf großen Schanzen stabilisieren", sagt Maurberger.

Dieses System basiert zunächst auf der perfekten Hocke, durch die man die Geschwindigkeit, die noch mehr ausmacht als beim normalen Springen und an die 100 Stundenkilometer erreicht, optimal mitnehmen kann. Dadurch ist es noch schwieriger, den Absprung, bei dem weniger Kraft als Feingefühl gefragt ist, präzise zu treffen. Vom Schanzentisch weg gilt es dann, so schnell wie möglich in eine aerodynamische Position zu kommen und den Sprung sauber und stabil durchzuziehen. Das sei überhaupt das Wichtigste, sagt Maurberger. Denn: "Beim normalen Springen kann man Fehler noch leichter wiedergutmachen." Beim Fliegen dagegen kann der kleinste Wackler in der Luft eine Landung unter ferner liefen oder im schlimmsten Fall im Krankenhaus bedeuten.

Theoretisch könnte man die technischen Finessen speziell trainieren, praktisch ist dies aber kaum umsetzbar: Der Kalender lässt kaum Spielraum, und geeignete Schanzen gibt es auch nicht viele. Für Maurberger wäre es gar nicht sinnvoll, sich mehr aufs Fliegen zu verlegen. "Das würde zu viel Energie rauben", sagt er. "Wenn man das öfter macht und es mehr solche Bewerbe gibt, wird man vielleicht unvorsichtig", meint er. "Besser es gibt nur ein paar, aber die bestreitet man dann hochkonzentriert."

Denn das Fliegen soll bei aller Rekordjagd auch weiterhin etwas Besonderes bleiben. Damit dann, wenn der Sprung einmal gestanden und der Adrenalinspiegel wieder auf dem Weg in den Normalbereich ist, wieder Worte wie "einfach nur geil" fallen können.