"Wiener Zeitung": Herr Walchhofer, Sie waren bei sieben Ski-Weltmeisterschaften dabei, darunter eine Heim-WM 2001 in St. Anton. Am Montag beginnt in Schladming wieder eine Ski-WM in Österreich. Macht es für den Sportler einen Unterschied aus, ob die WM zu Hause oder im Ausland stattfindet?

"Im Grunde ist es schon gut, wenn wir in Österreich die Erwartung haben, im Skisport die Besten zu sein." Michael Walchhofer - © Foto: Eva trifft
"Im Grunde ist es schon gut, wenn wir in Österreich die Erwartung haben, im Skisport die Besten zu sein." Michael Walchhofer - © Foto: Eva trifft

Michael Walchhofer: Natürlich ist das auch für einen Athleten etwas anderes. Es ist aber ein großer Unterschied, ob du als Favorit gehandelt wirst, oder ob du dabei bist, weil du dich gerade noch für die Kombination qualifiziert hast. In St. Anton konnte ich nur in der Kombination fahren (Walchhofer schied aus, Anm.). Ich war für mich zufrieden, aber es war nicht sehr aufregend. Man hat aber schon gesehen, dass eine WM speziell ist und vielleicht noch einmal mehr Druck sich aufbaut. Hermann Maier war damals Favorit auf drei Goldmedaillen. Er hat dann zwar schon Medaillen gewonnen, aber halt nicht die erwarteten in Gold . . .

Sie waren damals einer von vielen im Team. War auch für Sie der Rummel größer?

Der Rummel war zwar größer, aber meine erste WM in Vail 1999 war sicher aufregender. St. Anton habe ich schon gekannt, in Vail war alles neu für mich.

Später, als Sie als Favorit zu einer WM fuhren, war die stets im Ausland. War das vielleicht ein kleiner Vorteil?

Es macht vielleicht eine kleine Nuance aus, das mag sein. Aber als Favorit macht man sich sowieso selbst großen Druck - und bekommt ihn von allen Seiten. Auch im Ausland sind die Medien bei einer WM extrem präsent. Gerade für einen Favoriten ist die Situa-tion bei einer WM so oder so spezieller. Die Favoriten werden ihrer Rolle bei einer WM jedenfalls seltener gerecht als bei einem Weltcup-Rennen.

Sie haben als Slalom-Talent im Weltcup begonnen und wurden zu einem Abfahrtsstar. War das für Sie vorauszusehen?

Ich habe mir im Europacup einen Slalom-Startplatz im Weltcup gesichert, bin aber damals auch im Europacup schon sehr gute Abfahrten gefahren. Die Dichte im österreichischen Team war damals in der Abfahrt so hoch, dass es kaum eine Chance auf einen Startplatz gab. Als ich dann im Slalom im Weltcup war, wurden die Ski kürzer und kürzer, womit ich aufgrund meiner Körpergröße nicht mehr so gut zurechtkam. Damit war klar, dass ich schauen musste, in der Abfahrt zum Zug zu kommen. In Kitzbühel habe ich dann meine Chance genutzt, da es aufgrund der Kombination mehr Startplätze gab. Ich wurde auf der Streif auf Anhieb Neunter, durfte bei der Abfahrt aber nicht starten. Das ist heute unvorstellbar. Im folgenden Sommer verletzten sich ein paar Läufer, dann konnten sie auch mich brauchen.

Ab Ihrem Weltmeister-Titel in der Abfahrt 2003 in St. Moritz blieben Sie bis zu Ihrem Karriereende im Frühjahr 2011 durchgängig in der Weltspitze. Eine solche Konstanz ist selten.

Das stimmt, es gab aber auch viele Momente, in denen ich wusste, ich muss brutal vorsichtig sein, um kein Mitläufer zu werden. Nach den Olympischen Spielen 2010, die - human ausgedrückt - richtig schlecht verlaufen sind, hatte ich das Gefühl, das kann noch nicht alles gewesen sein. Mir war klar: Wenn ich gesagt hätte, ich fahre jetzt einmal eine Saison und dann schaue ich weiter, wäre ich wahrscheinlich ein Mitläufer geworden. Deshalb war es für mich extrem wichtig zu sagen, dass das jetzt meine letzte Saison ist. Das hat mich aus dem Trott noch einmal herausgeholt. Darum ist meine letzte Saison auch so super verlaufen.

In den letzten Jahren ihrer Karriere waren Sie schon dreifacher Familienvater. Macht man das Rennfahren dann noch aus Spaß oder sieht man es als Beruf, mit dem man seine Familie ernährt?

Die Favoriten werden ihrer Rolle bei einer WM seltener gerecht als bei einem Weltcup-Rennen": Michael Walchhofer im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Matthias Nagl. - © Foto: Eva trifft
Die Favoriten werden ihrer Rolle bei einer WM seltener gerecht als bei einem Weltcup-Rennen": Michael Walchhofer im Gespräch mit "Wiener Zeitung"-Mitarbeiter Matthias Nagl. - © Foto: Eva trifft

Es muss beides sein. Ich habe nie ein Problem damit gehabt, das Rennfahren auch bewusst als Beruf zu sehen: Ich fahre in der Früh zum Training und komme am Abend wieder zurück - und ein anderer macht halt eine andere Arbeit. Bevor ich professionell trainiert habe, habe ich auch zu Hause in der Landwirtschaft und im Gasthof arbeiten dürfen und gesehen, dass es auch sonst nicht immer nur lustig ist, wenn man im Leben Erfolg haben will.

Gegen Ende Ihrer Karriere haben Sie ein Fernstudium begonnen. Taten Sie das mit Blick auf die Zukunft?

Nein, es ging mehr in Richtung Ablenkung und Interesse. Es war klar, dass ich ein berufliches Hauptstandbein im Tourismus und in der Region haben werde, bei dem es ziemlich egal ist, ob ich einen Master of Business Administration habe oder nicht. Aber es war einfach das Interesse da, etwas in diese Richtung zu machen.

Spielte auch die Überlegung mit, im Winter etwas Ablenkung zu haben? Nach mehreren Jahren im Weltcup wird sich ja vieles wiederholen.

Im Winter habe ich eigentlich gar nichts für das Studium gemacht. Das habe ich von Mitte März bis September, Oktober gemacht. Im Winter hätte ich keinen Kopf dafür gehabt. Dafür hat mich das Rennfahren zu sehr gefesselt, im Sommer war das aber nicht so intensiv. Im Winter kommt auch noch der riesige Druck dazu, wenn es die Erwartungshaltung gibt, Rennen zu gewinnen. Da wollte ich mich nicht zu viel mit anderen Dingen beschäftigen.

Mittlerweile führen Sie das Hotel "Zentral" in ihrem Heimatort Altenmarkt-Zauchensee. In Österreich gibt es gerade in Wintersportregionen eine starke Verbindung zwischen Tourismus und Skisport. Würden Sie bestätigen, dass Sie auch nach Ihrer Karriere in einem ähnlichen Bereich tätig sind?