Schladming. Wer das Starterfeld des Teambewerbs und den Medaillenspiegel dieser Ski-Weltmeisterschaft betrachtet, könnte auf die Idee kommen, dass der Begriff Weltmeisterschaft ein bisschen sehr weit gefasst ist. Europameisterschaft mit nordamerikanischer Beteiligung würde es auch tun. Die Diskussion, ob der Begriff WM berechtigt ist, ist vielleicht so alt wie die Titelkämpfe selbst, hat aber jedenfalls schon einen Bart und taucht verlässlich alle zwei Jahre wieder auf.

Betrachtet man das gesamte Starterfeld, hat die Vorsilbe Welt- schon mehr Berechtigung. Denn insgesamt sind rund 600 Läufer aus etwa 70 Nationen von vier Kontinenten am Start. Lediglich Afrika ist nicht vertreten, exotische Destinationen sind aber einige dabei. Sie haben es aber selbst bei der WM schwer, ins Rampenlicht zu kommen, obwohl der Internationale Skiverband FIS ein natürliches Interesse daran hat, möglichst viele Nationen am Start zu haben. Die FIS muss dabei den Spagat vollziehen, die Titelkämpfe für exotische Verbände, die von der FIS auch entsprechende Förderungen erhalten, attraktiv zu halten, die Bewerbe aber andererseits nicht zur partiellen Jux-Veranstaltung verkommen zu lassen.

Das ist, wie auch Schladming wieder beweist, nicht einfach. Bei den Herren müssen jene Läufer, die in der bereinigten Weltrangliste nicht unter den besten 50 liegen, für Riesenslalom und Slalom ein Qualifikationsrennen zwei Tage vor dem eigentlichen Rennen um die letzten 25 Startplätze bestreiten. Das bleibt den Damen aus nicht alltäglichen Skidestinationen zwar erspart, sie bekamen ihre Geringschätzung aber schon im Super G präsentiert. Der wurde nach 36 Läuferinnen abgebrochen. Dass der interkontinentale Anstrich dabei verloren ging und es sich um ein europäisch-nordamerikanisches Rennen handelte, störte niemanden.

Dabei erhofft sich die FIS von den Exoten, den Skisport auch abseits der WM in die Welt hinauszutragen, um irgendwann neue Märkte erschließen zu können. Einer der Hoffnungsmärkte schlechthin für jede Sportart, die etwas auf sich hält, ist im Moment Indien. So steht bei der WM auch ein vierköpfiges indisches Team am Start. Je zwei Frauen und Männer werden den Riesenslalom und Slalom bestreiten. Ihr Trainer Hira Lal, 2006 bei den Olympischen Spielen in Turin noch als Aktiver am Start, erzählt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" stolz von der wachsenden Skination Indien. Dabei hat die größte Demokratie der Welt zumindest im Norden mit Zugang zum Himalaja tatsächlich perfekte Voraussetzungen für Skisport.

Der Großteil des Teams kommt aus Manali, einem touristischen Eingangstor in den Himalaja. Die Stadt erfreut sich auch bei europäischen Heli-Skiing-Insidern aufgrund vergleichsweise niedriger Preise wachsender Beliebtheit. Aufgrund eines nahegelegenen Passes auf 5000 Meter Seehöhe ist dort auch im Sommer Training möglich, erzählt Lal. Aber auch im Bundesstaat Kashmir gibt es einige Skigebiete. Die Zahl der Skifahrer, sagt Lal, nimmt stetig zu, er schätzt die Zahl der aktiven Athleten auf 500. Noch vor zehn Jahren sei der Sport praktisch ausschließlich von Armeeangehörigen ausgeübt worden.

Ziel heißt Olympia 2018

Schon 2010 in Vancouver war Indien mit drei Sportlern bei den olympischen Skirennen vertreten, kommendes Jahr in Sotschi sollen es mehr werden. Die WM in Schladming ist quasi die Generalprobe, das Überstehen der Qualifikation wäre allerdings schon eine Sensation. Die 16-jährige Aanchal Thakur war schon vergangenes Jahr bei den Olympischen Jugendspielen in Innsbruck am Start. Dort wurde sie im Slalom Letzte und im Riesenslalom Vorletzte. Das größere Ziel als Sotschi sind aber die Spiele 2018, die finden in Pyeongchang in Südkorea, also in Asien, statt.