• vom 03.01.2014, 17:18 Uhr

Ski

Update: 03.01.2014, 23:45 Uhr

Olympische Winterspiele

"Sportler sind bei Olympia Kulisse"




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Von Christian Mayr

  • 34 Tage vor Sotschi: Rekord-Medaillensammler Felix Gottwald im Interview über Olympia und seine Vaterfreuden
  • Rat von Gottwald: Nur wer politisches Umfeld ausblenden kann, ist erfolgreich.

Felix Gottwald, der verlässliche Medaillenhamster: Nach der WM in Oslo 2011 trat er ab.

Felix Gottwald, der verlässliche Medaillenhamster: Nach der WM in Oslo 2011 trat er ab.© apa/Gindl Felix Gottwald, der verlässliche Medaillenhamster: Nach der WM in Oslo 2011 trat er ab.© apa/Gindl

"Wiener Zeitung": Herr Gottwald, Sie sind seit fast drei Jahren weg vom Spitzensport. Ich nehme an, dass Sie ab und zu noch Langlaufen gehen werden. Aber wie ist es mit Skispringen? Fehlt Ihnen das Fluggefühl nicht?


Felix Gottwald: Fluggefühl ist bei meinen Weiten ein großes Wort. Das war ja mit der Grund, warum ich noch zu aktiven Zeiten immer erst etwas später in die Loipe starten durfte als meine Kollegen. Langlaufen gehe ich immer noch sehr gerne und regelmäßig. Weil dieser Sport auch funktioniert, wenn man ihn langsamer ausübt. Langsamer Skispringen geht aber nicht! Und um auf Nummer sicher zu gehen, habe ich beim Weltcupfinale im März 2011 meine komplette Skisprungausrüstung verschenkt.



Wenn man an Olympia 2010 in Vancouver zurückdenkt, kommen einem als Erstes die totale Pleite der Alpin-Herren und das von Ihnen erkorene Wort "Genussprojekt" in den Sinn. Wie klingt das Wort nun vier Jahre später für Sie? War Olympia wirklich ein Genuss?

Mein "Genussprojekt" war mit ganz wenigen Ausnahmen wahrscheinlich die schönste Zeit, die ich im Spitzensport erleben durfte. Wem es gelingt, Olympische Spiele auf den rein sportlichen Vergleich zu reduzieren, für den gibt es wahrscheinlich nichts Schöneres. Die Frage ist, ob das jemals schon jemandem gelungen ist. Vancouver waren tolle Spiele. Sportlich für uns im Team ein weiteres Highlight mit der Goldmedaille. Unser Einzelbewerb auf der Großschanze war der beste Beweis, dass es nicht immer ausnahmslos um den Sport geht (irreguläre Windbedingungen, Anm.). Das ärgert dich natürlich als Athlet, zeigt aber nur, was niemand so gerne hört: Sport und Sportler sind Kulisse, nicht Hauptdarsteller. Bei Olympia geht es um Politik, Macht und ums Geschäft.

Sie haben es aber stets geschafft, bei Olympia Ihre Top-Leistung abzurufen. Warum ist Ihnen das gelungen - und warum scheitern oft ganz Große an dieser Aufgabe?

Es ist wohl die Reduktion auf das Wesentliche. Natürlich braucht es jeden Tag der Vorbereitung. Jede einzelne Trainingseinheit ist auch eine Möglichkeit, immer und immer wieder die volle Aufmerksamkeit auf das zu lenken, was man gerade tut. Manche nennen es "Hirn ausschalten", für mich ist es wohl eher die Kunst, wirklich präsent zu sein. Mehr ist es nicht - auch nicht bei Olympischen Spielen.

Sie sind mit sieben Medaillen der erfolgreichste Olympionike Österreichs, gleichzeitig gelten Sie als kritischer Geist, der in einem Blog zuletzt die Frage aufgeworfen hat "Olympia: wahrer Sport oder Ware Sport?" Ist der Geist von Olympia endgültig auf dem Altar des Kommerzes geopfert?

Man muss gar kein kritischer Geist sein, um Olympia in diese Richtung zu hinterfragen. Sport in seiner reinen Form ist etwas sehr Pures, Reduziertes. Das fasziniert die Menschen: diese bedingungslose Hingabe von Athleten, an das, was sie lieben. Wenn ich Spitzensport in den Medien verfolge, dann möchte ich genau diese Begeisterung in den Augen der Athleten sehen. Wenn diese pure Emotion instrumentalisiert wird und Athleten nur noch Statisten im Big Business mit den fünf Ringen sind, dann geht viel an Identifikation verloren.

München hat sich zuletzt spektakulär gegen Winterspiele ausgesprochen, auch für Österreich ist die Sache spätestens nach den Malversationen um Salzburg für Jahrzehnte hin erledigt. Was muss sich ändern, damit die Bevölkerung auch wieder für Spiele im Herzen Europas zu begeistern ist?

München hat gezeigt, dass im Vertrauen der Menschen in die Idee und Institution Olympia irgendwo eine tiefe Bruchlinie verläuft. Die Einstellung des Sport-Establishments - verantwortlicher Politiker, einflussreicher Funktionäre, finanzkräftiger Großsponsoren - zum Sport selbst müsste sich daher ändern. Der große Nelson Mandela hat gesagt: "Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern." Die Frage ist nun: In welche Richtung? Und da kommen die genannten Entscheidungsträger ins Spiel: Welche Welt wollen sie entstehen lassen? Sehen sie im Sport eine Chance für die Gesellschaft, einen wertvollen Beitrag zur physischen und psychischen Gesundheit der Menschen, ein Medium, das Werte vermitteln kann? Oder ist Sport nur ein Bühnenbild, das nur dafür da ist, dass mehr desselben passiert, was wir aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kennen?

Vor Sotschi gibt es allerlei politische Boykotte, auch in Österreich tut man sich merklich schwer. Ist das nicht auch geheuchelt, immerhin haben österreichische Unternehmen von den Infrastrukturbaustellen dort enorm profitiert?

So ganz zu durchschauen ist ja nicht, was hinter den olympischen Kulissen so vor sich geht. Jetzt hat Präsident Putin ja plötzlich nach und nach diejenigen begnadigt, bei denen man sich gewundert hat, warum sie überhaupt in Ungnade gefallen sind. Das IOC kann sagen: "Seht’s, hätten wir die Spiele nicht nach Sotschi vergeben, der Chodorkowski säße noch immer im Gefängnis." Die Sponsoren können sagen: "Ohne unser Engagement wäre das alles nicht möglich geworden." Und Präsident Putin hat schon gewonnen, weil selbst Kritiker sagen: "Eh ein klasser Bursch." Und natürlich haben österreichische Unternehmen profitiert - ist auch vollkommen in Ordnung: Wenn sie jetzt mit einem kleinen Teil ihrer erzielten Gewinne auch noch einen sinnvollen Transfer schaffen - ein Sportprogramm für ihre Mitarbeiter, finanzielle Unterstützung von Sport-Projekten und -Initiativen oder Ähnliches -, dann wäre der Kreis geschlossen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2014-01-03 17:23:16
Letzte Änderung am 2014-01-03 23:45:53



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