Bischofshofen. (may) Ein Mann ohne Nerven: Seit Tagen sprach die Wintersport-Welt nur noch davon, ob der 21-jährige Thomas Diethart die Sensation tatsächlich wahr machen und aus dem Nichts zum Sieg bei der Vierschanzentournee springen könne. Beim großen Showdown in Bischofshofen wurde dann kein Versuch ausgelassen, den Flachland-Adler aus dem niederösterreichischen Tullnerfeld aus der Façon zu bringen. Kameras auf Schritt und Tritt; semi-lustige ORF-Vorberichte, wo er sich in einen Krimineser-Mantel werfen musste; Bus-Konvois aus dem Heimatort Michelhausen, die "ihren" Thomas auf der Paul-Außerleitner-Schanze siegen sehen wollten; dazu ein riesiger Public-Viewing-Event, der die restlichen Einwohner des 2500-Seelen-Ortes auf die Beine brachte; und nicht zuletzt Landeshauptmann Erwin Pröll persönlich, der Diethart als dessen ehemaliger Mentor im Auslauf zum Triumph schreien wollte. All das machte dem 21-Jährigen, der vor kurzem noch als mittelmäßiger Platzspringer im Kontinental-Cup galt, nicht Angst, sondern verlieh ihm erst recht Flügel. Die ihm letztlich beim spannendsten Tournee-Finale seit langem am Dreikönigstag tatsächlich zum Gesamtsieg trugen.

Die Vorentscheidung im Dreikampf um den Titel fiel bereits im ersten Durchgang: Nachdem Thomas Morgenstern 137 Meter in den Pongauer Schnee gesetzt hatte und nicht vollends zufrieden war, konterte Simon Ammann mit einem 137,5-Meter-Satz. Allerdings verwackelte der Schweizer wie so oft in seiner Karriere den Aufsprung, was wertvolle Punkteabzüge brachte. Anders sein direkter Konkurrent im K.o.-Duell: Diethart landete blitzsauber bei 138,5 Metern - damit revanchierte er sich nicht nur für die Duell-Niederlage beim Windspringen auf dem Bergisel, sondern vergrößerte den Vorsprung auf den vierfachen Olympiasieger im Gesamtklassement um 6,6 auf fast schon komfortable 16 Punkte.

Im Finaldurchgang blieb Diethart dann erneut locker und sprang seinen größten Erfolg in der noch jungen Karriere souverän nach Hause. Als letzter Springer des Abends setzte er bei 140Metern auf - und versetzte 30.000 Zuschauer in Bischofshofen als Tagessieger (vor dem Slowenen Peter Prevc) vollends in Verzückung. Morgenstern indes fing mit der Höchstweite von 142Metern Ammann in der Gesamtwertung noch ab und wurde Tournee-Zweiter. Der strahlende Sieger rang schließlich um Worte: "Es ist so geil, es ist ein Wahnsinn. Ich freue mich so." Der Trubel vor dem Finalsprung habe ihn nicht gehemmt, sondern er habe es "einfach nur genossen".

Auf Goldbergers Spuren

Diethart ist erst der fünfte Athlet, dem der große Coup gelang, bei der ersten kompletten Tournee diese auch für sich zu entscheiden: Außer Andreas Goldberger ist dies nur dem Finnen Toni Nieminen, dem Norweger Anders Jacobsen und dem Slowenen Primoz Peterka gelungen.