Er fuhr schneller als sein Schatten: Stephan Eberharter gelang vor zehn Jahren das Kunststück einer perfekten Fahrt über die schwierigste Abfahrt der Welt - mit 1,21 Sekunden Vorsprung. - © apa/Techt
Er fuhr schneller als sein Schatten: Stephan Eberharter gelang vor zehn Jahren das Kunststück einer perfekten Fahrt über die schwierigste Abfahrt der Welt - mit 1,21 Sekunden Vorsprung. - © apa/Techt

Kitzbühel. Wer am 24. Jänner 2004 kurz vor halb eins nicht vor dem Fernseher gesessen ist, der hat wahrscheinlich etwas verpasst, von dem man noch den Enkeln berichten könnte. 1,85 Millionen Fernsehzuschauer und rund 55.000 Fans entlang der Strecke wurden Zeugen einer wahren Ski-Demonstration, die durchaus das Wort historisch verdient. Denn vor genau zehn Jahren lieferte der Zillertaler Stephan Eberharter auf der härtesten, schwierigsten und gefährlichsten Abfahrt der Welt - der Kitzbühler Streif - sein Meisterstück ab und zertrümmerte mit 1,21 Sekunden Vorsprung förmlich die Konkurrenz. Die Siegesfahrt ging als die "perfekte Fahrt" in die Annalen der Hahnenkamm-Rennen ein, und noch heute gilt sie als wohl beste Leistung, die je ein Athlet auf der Streif hingelegt hat.

Dabei standen die Vorzeichen an diesem Rennwochenende alles andere als günstig: Am Donnerstag hatte Eberharter als Zweiter um gerade einmal eine Hundertstelsekunde hinter Lasse Kjus den Sieg in der Ersatz-Abfahrt von Bormio verpasst; am Freitag musste der große Hermann Maier seine erste Super-G-Niederlage in der Gamsstadt einstecken - diesmal fehlten nur drei Hundertstel auf den US-Amerikaner Daron Rahlves. Damit drohte dem ÖSV-Team, das damals in Abfahrt und Super G fast ausschließlich Siegläufer stellte, erstmals seit 1992 in Kitzbühel kein rot-weiß-rotes Siegergesicht präsentieren zu können. Damals eine Art nationale Schande angesichts hochdekorierter Olympiasieger, Weltmeister, Gesamtweltcup-Sieger und jeder Menge Kitz-Sieger - von Maier bis Eberharter, von Fritz Strobl bis Michael Walchhofer, von Hannes Trinkl bis Hans Knauß.

Dann kam das große Rennen: Die Bedingungen für die klassische Abfahrt am Samstag waren perfekt wie selten zuvor - strahlender Sonnenschein, dazu eine pickelharte, makellos präparierte Piste. Doch wieder schien alles gegen das ÖSV-Team zu laufen: Die heißesten Eisen - Maier, Strobl, Walchhofer - scheiterten allesamt klar an der Bestzeit. Bis nur noch einer oben im Starthäuschen stand.

Mit Nummer 30 ging Eberharter ins Rennen, auf ihn lastete nun der ganze Druck. Zwei Jahre davor hatte er die Streif schon einmal gewonnen, später den Rücktritt überlegt und sich entschlossen, noch eine Saison anzuhängen. Eine Saison ohne Olympia und WM, wo Kitzbühel der absolute Höhepunkt war. Und der 34-Jährige, der alles gewonnen hatte, was es zu gewinnen gibt, riskierte in seinem letzten großen Rennen noch einmal alles, wandelte am schmalen Grat zwischen Heldentum und Horrorsturz und reizte wie ein junger Draufgänger die ultimativen Grenzen der Physik aus. "Wir bewegen uns immer am Limit. Nur wer die Courage hat, darüberzuspringen, gewinnt. Entweder du riskierst eine Verletzung oder du ziehst zurück", erklärte er später im Ziel.