Engste Linie am Hausberg

Es war tatsächlich eine Fahrt am absoluten Limit: Nach einem weiten Satz in die Mausefalle schnitt Eberharter kerzengerade zum nächsten Tor hin, nahm enormen Schwung ins Karussell mit, um dann sogar das Tor in die Steilhang-Einfahrt zu attackieren. "Das war schnell, glaub i’", gab er danach zu Protokoll. Und wie schnell! Schon oben nahm er der Konkurrenz auf 30 Fahrsekunden sechs Zehntel ab - beim Sprung über die Hausbergkante waren es 0,76 Sekunden. Doch erst dort wurde die Fahrt von Eberharter von einer herausragenden zu einer perfekten. Denn statt wie Generationen von Abfahrern nach dem Sprung weit auszuholen, um die wellige Traverse vor dem Zielschuss weit oben zu bewältigen, raste der Tiroler direkt auf das Tor zu - sogar innerhalb der blauen Markierungslinie. Dort, wo schon Karrieren von Olympiasiegern zerschellt sind, hielt Eber-harter den enormen Fliehkräften stand, beschleunigte dadurch noch mehr und flog so regelrecht dem Ziel entgegen: Am Ende waren es 1,21Sekunden oder 34,7Meter Vorsprung auf Rahlves. Eine Ewigkeit im modernen Rennsport - und vor allem in Kitzbühel, wo mitunter Hundertstel entscheiden. Da gingen bei dem sonst so trockenen Zillertaler die Emotionen durch, er kniete sich in den Schnee, stieß einen Befreiungsschrei aus und zeigte mit dem rechten Arm die "Säge". Sogar ORF-Co-Kommentator Armin Assinger war fast schmähstad: "Bist du Moped!"

Nicht nur Kollegen und Trainer überschlugen sich in Lobeshymnen, selbst die renommierte "FAZ" schrieb von "einer Schussfahrt wie vom anderen Stern" auf dem "heiligen Berg der Österreicher".

"In die Herzen gefahren"

Und wie blickt der heute 44-Jährige auf seine Glanztat zurück? "Ich habe schon vorher gewusst, dass das meine letzte Streif sein wird, deshalb bin ich etwas mehr Risiko eingegangen als sonst", erzählt Eberharter im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Nicht unwesentlicher Nachsatz: "Aber das Risiko war relativ, denn ich war damals auch sehr gut drauf." An schwere Stürze, wie sie zu Kitzbühel dazugehören, habe er nicht gedacht. "Die Liebe zum Sport war bei mir immer größer als die Angst vor dem, was passieren hätte können", sagt der Tiroler, der diesen Siegeslauf sogar mit seinem Riesentorlauf-Olympiasieg von 2002 gleichsetzt: "In Kitzbühel ist einfach die meiste Aufmerksamkeit da. Und wenn einem dann so etwas gelingt, dass die Menschen zehn Jahre später auch noch davon reden, dann ist das etwas Besonderes gewesen. Ich habe mich irgendwie in die Herzen der Leute hineingefahren." So ein Traumlauf beim bedeutendsten Rennen passiere einem halt nur ein Mal im Leben: "Das ist ähnlich wie der Sturz von Hermann Maier in Nagano, der hat ihn auch berühmt gemacht", sagt Eberharter. Und noch etwas hält seit zehn Jahren an: Wegen der heurigen Hausberg-Umleitung bleibt Eberharter weiterhin der letzte Österreicher, der die Original-Streif gewonnen hat.