Innsbruck. (may) Zumindest vor dem Fluch des Bergisel braucht sich Stefan Kraft nicht zu fürchten: Jahrzehntelang war es Tiroler Skispringern nämlich versagt, bei der Vierschanzentournee auf ihrem fast heiligen Berg zu gewinnen. Diesen Bann brach im Jahr 2000 schließlich Andreas Widhölzl, der damit gleichsam zum ersten Tiroler Sieger am Bergisel seit Andreas Hofer anno 1809 wurde. Nach Widhölzl triumphierten noch seine Landsleute Gregor Schlierenzauer (2010/2013) sowie Andreas Kofler (2012). Der derzeitige Tournee-Leader Kraft ist allerdings kein Tiroler, sondern ein Pongauer, dessen Heimschanze eigentlich jene von Bischofshofen ist. Um dort am Dreikönigstag den ganz großen Triumph in Form des Gesamtsieges einfahren zu können, ist aber zunächst am Sonntag (14Uhr/ORFeins) in Innsbruck eine weitere Glanzleistung nötig.

Denn Rang sechs beim Neujahrsspringen brachte die Konkurrenz näher an den 21-jährigen Auftaktsieger von Oberstdorf heran. Der Slowene Peter Prevc weist nur 1,1 Punkte Rückstand auf - umgerechnet nur 60 Zentimeter an Weite; knapp sieben Punkte dahinter sein Team- und Zimmerkollege aus Oberösterreich, Michael Hayböck. Und dann wäre da noch die große Unbekannte aus Norwegen namens Anders Jacobsen, dem nach seinem überlegenen Sieg in Garmisch plötzlich auch noch zugetraut wird, die etwas mehr als 20 Punkte Rückstand in den beiden ausständigen Springen wettzumachen. Zumal der Tournee-Sieger von 2007 nach seiner langen Verletzungspause momentan auf der berühmten Wolke sieben zu schweben scheint: "Ich habe mir viel Selbstvertrauen geholt und nehme es nach Innsbruck mit. Wenn ich auf diesem Level bleiben kann, dann ist alles möglich", erklärte der 29-jährige Routinier.

Doch auch den beiden Österreichern mangelt es nicht an Selbstvertrauen - ganz im Gegenteil. "Es schläft sich mit dem Führungstrikot immer besser. Es ist schön, dass ich es behalten habe, aber es ist alles enger zusammengerückt und eine enge Kiste geworden", sagte Kraft, der sich auch vom angesagten Schlechtwetter nicht irritieren lässt - schließlich hat er ja im Oberstdorfer Schneetreiben seinen ersten Weltcuperfolg gefeiert. Auch der konstant starke Prevc beschäftigt ihn nicht sonderlich: "Ich werde nicht groß auf ihn oder die anderen schauen, sondern mein Ding durchziehen." Unmittelbares Ziel ist ein Stockerlplatz am Bergisel, mehr noch nicht: "Jetzt an den Gesamtsieg zu denken, das könnte auch in die falsche Richtung gehen", beteuerte Kraft.

Auch Hayböck fühlt sich in der Lauerstellung wohl. "Ich bin nach wie vor in einer super Ausgangsposition und damit sehr happy", meinte der 23-Jährige, der darauf hinwies, ohnehin im Gesamtweltcup der Gejagte zu sein.

Auch Cheftrainer Heinz Kuttin blickt zuversichtlich auf das ausverkaufte Springen auf der ÖSV-Heimschanze, wenngleich Prevc und Jacobsen harte Brocken seien. "Aber noch müssen sie uns schlagen, wir haben noch die Oberhand. Wir können wirklich frei agieren und die Tournee zu Ende bringen", meinte Kuttin, der in Innsbruck - wie im Vorjahr - mit schwierigen Wind- und Wetterverhältnissen rechnet. Dagegen habe er seine Truppe allerdings schon gewappnet und bei allen erdenklichen Bedingungen trainieren lassen. Und die Bergisel-Schanze kennen seine Athleten ohnedies aus dem Effeff.