Wien/Vail. Es war etwas faul im Staate Österreich. Soeben hatten die rot-weiß-roten Ski-Damen in der WM-Abfahrt einen historischen Triumph eingefahren, sich auf den ersten vier Rängen klassiert und an diesem Sonntagabend mitteleuropäischer Zeit zum Drüberstreuen auch noch TV-Geschichte geschrieben (2,438Millionen Seher sind bis dato unerreichter ORF-Rekord). Das ganze Land war also im Freudentaumel.

Ganz Österreich? Nein, denn im Zielraum von Vail stand an diesem kalten Februartag des Jahres 1999 eine junge Dame, die Folgendes in die Kameras blaffte: "Dieser Vierfacherfolg ist mir wurscht, wenn ich nur Vierte bin." Es war Alexandra Meissnitzer, die sich trotz ihrer Goldmedaille im vorangegangenen Super G so gar nicht mit ihren Teamkolleginnen Renate Götschl (Gold) und Michaela Dorfmeister (Silber), sowie nicht einmal mit Stefanie Schuster (Bronze), die ihre erste und einzige Medaille gewann, mitfreuen konnte.

Dass der verbale Fauxpas längst vergeben und vergessen ist, beweisen die aktuellen Beliebtheitswerte der nunmehrigen ORF-Co-Kommentatorin - und war wohl auch dem unmittelbar folgenden Erfolg geschuldet. Denn Meissnitzer holte sich in Vail noch ihre zweite Medaille - wieder Gold, diesmal im Riesentorlauf. Die urige Musikkapelle aus ihrer Salzburger Heimat ("Meisi-Musi") spielte auf, und aller Ärger war verflogen.

Wenn am kommenden Dienstag die 43. alpine Ski-Weltmeisterschaft mit dem ersten Bewerb, dem Damen-Super-G, gestartet wird, dann wird man sich an solche und ähnliche Geschichten wieder erinnern. Denn vor 16 Jahren brachten die Titelkämpfe in dem Städtchen in Colorado, wo um 1860 die Goldgräber ihr Glück suchten, eine Flut an Edelmetall für die im wahrsten Sinne des Wortes goldene Ski-Generation aus Österreich. Mit 13 Medaillen, davon fünf in Gold und drei in Silber, war diese WM die erfolgreichste für Österreich in der Neuzeit des Skisports. Nur jene in Chamonix 1962, als es den Weltcup noch gar nicht gab, war mit 15 Medaillen (sechs in Gold) noch erfolgreicher.

Zwei Jahre vor der Heim-WM in St. Anton stellte Österreich damals sowohl bei den Herren als auch bei den Damen das wohl beste Team aller Zeiten - zumindest in den schnellen Disziplinen: Neun von zwölf möglichen Medaillen in Abfahrt und Super G gingen an den ÖSV - darunter alle vier Titel, und bei den Damen standen ausschließlich Österreicherinnen auf dem Stockerl. Und trotz dieser einzigartigen Drei- und Vierfachsiege, trotz des knappsten Rennens der WM-Geschichte im Herren-Super-G (Hermann Maier und Lasse Kjus gewannen ex aequo Gold, Hans Knauss wurde eine Hundertstel dahinter Dritter) stach ein Rennen ganz besonders heraus: die Herren-Abfahrt in Beaver Creek. Denn es war Hermann Maier, der an diesem denkwürdigen 6. Februar - vor den Augen der Sportwelt (am Wiener Rathausplatz stand eine Großleinwand) - sein wahrscheinlich bestes Rennen ablieferte. War sein Olympia-Doppelgold in Nagano im Jahr davor nach seinem Horrorsturz so etwas wie eine Auferstehungsgeschichte, so war der Ritt über die Raubvogelpiste die Apotheose. Nie hat er die Rolle einer übermenschlichen Rennmaschine, die bei jenseits von 100km/h die Tore wie in einem Riesentorlauf abräumt, anschaulicher verkörpert als an diesem Tag. (Erst der Motorradunfall 2001 machte ihn wieder zu einem sterblichen Menschen). Den Ausdruck "Herminator" gab es zwar schon vorher, aber in diesem Rennen - im Ziel akklamiert von "Terminator" Arnold Schwarzenegger - war das mehr als ein geflügeltes Wort. Und wer sich heute noch diesen Lauf ansieht, den beschleicht fast die Vermutung, der Abfahrtssport hätte sich in den vergangenen 16Jahren zurückentwickelt. "Das war das einzige Rennen, bei dem ich teilweise mit über 100 Prozent gefahren bin", sagte Maier über seinen wohl sportlich wichtigsten Sieg, nachdem ihm Abfahrtsgold bei Olympia versagt blieb.