Wien/Vail. (rel) Noch zu Wochenbeginn waren das Sportprogramm sowie der Internetauftritt des US-amerikanischen TV-Network NBC nur von einem Thema beherrscht gewesen: dem dramatischen Super-Bowl-Triumph der New England Patriots am Sonntag über die Seattle Seahawks. So ist eben Amerika.

Der Zielraum der Raubvogelpiste in Beaver Creek befindet sich auf 2730 Metern Seehöhe. - © Keystone/Bott
Der Zielraum der Raubvogelpiste in Beaver Creek befindet sich auf 2730 Metern Seehöhe. - © Keystone/Bott

Wenn es um Sport geht, liegt der Football immer noch an vorderster Stelle, gefolgt von Base- und Basketball. Und der Skisport? Der kam in der Berichterstattung bisher eher wenig vor - bis jetzt. Die alpine Ski-WM in Vail, die in der Nacht auf Dienstag feierlich eröffnet wurde, macht es möglich. Wie der Fernsehsender im Vorfeld der Heim-Weltmeisterschaft ankündigte, werden erstmals in der US-TV-Geschichte alle Skirennen live übertragen.

Das mag sich nun für europäische Ohren wenig spektakulär anhören, für den US-Skisport bedeutet diese Entscheidung jedenfalls eine große Zäsur. Während Millionen Amerikaner vor den TV-Bildschirmen mit dem US-Team mitfiebern, werden dank Gratis-Eintritt und Gratis-Shuttles auch am Ort des Geschehens, im Skiresort Beaver Creek, Zehntausende Fans erwartet. Zum Vergleich: Bei der ersten Ski-WM in Vail, 1989, hatte man noch jeden Zuschauer einzeln begrüßen können. Auch war damals die Infrastruktur nicht so stark ausgebaut wie heute.

Rund 60 Millionen US-Dollar haben die Veranstalter in die Hand genommen, um aus Beaver Creek einen Wintersportort der Superlative zu machen. Zusätzliche Lifte und Hotels sowie anspruchsvolle Abfahrten wurden aus dem Boden gestampft. Neben der bereits 1997 befahrenen "Birds of Prey" (Raubvogelpiste) hat man für die Damen eine ähnlich trassierte und mit dem Namen "Raptor" eine in der Deutschübersetzung (Raubvogel) gleichlautende Piste aus dem Wald geschlagen. Beide Strecken enden im gleichen und auf gewaltigen 2730 Metern Seehöhe gelegenen Zielraum und sind so anspruchsvoll, dass würdige Weltmeister garantiert sind. Zur extremen Höhe kommen noch die dünne, trockene Luft und der aggressive amerikanische Schnee als besondere Zutaten hinzu.

Lindsey Vonn als Zugpferd
für US-Team und Skisport

Tatsächlich liegt aber die eigentliche Ursache für die zunehmende Popularität des Skisports in den USA nicht allein in der Heim-WM, dem Schnee oder der TV-Übertragung begründet. Es ist vielmehr der Erfolg und der Glanz des amerikanischen Alpin-Teams, das die Menschen anzieht und fasziniert. Immerhin verfügen die vom österreichischen Alpindirektor Patrick Riml geführten Amerikaner 2015 über das wohl stärkste Team, mit dem der US-Ski- und Snowboardverband USSA jemals aufgetreten ist.

Angeführt von Superstar Lindsey Vonn und den beiden WM-Titelverteidigern Mikaela Shiffrin (Slalom) und Ted Ligety (Super G, Kombination und Riesentorlauf) wollen die Gastgeber nach der erfolgreichen WM 2013 in Schladming nun auch vor heimischem Publikum, in Beaver Creek, am Ende die Nummer eins sein. Auf dieses große Ziel weist auch der selbstbewusste Leitspruch des US-Teams - "Best in the world" - hin. Fünf bis sieben Medaillen erwartet sich US-Alpinchef Riml in Vail, die meisten davon am besten in Gold. Die Motivation sei jedenfalls groß, sagt er. "Unsere Athleten sehen die Heim-WM nicht als Druck, sondern als Chance, ihren Sport in ihrer Heimat zu pushen."

Diese Rechnung scheint auch langsam aufzugehen. Zu tun gibt es freilich noch genug - allen voran bei den Sportstrukturen. Davon weiß auch Riml ein Lied zu singen: "In Österreich kostet ein Skigymnasium pro Jahr 4500 Euro, in den USA 45.000 Euro. Alles ist teurer", sagt er und führt außerdem die extrem weiten Wege ins Treffen. Während man in Österreich schnell und einfach zum Training auf einen Gletscher fahren könne, müsse man in Amerika "dafür fast immer ins Flugzeug steigen", so Riml. Zumindest was die Ausbildung des Nachwuchses betrifft, sei man auf einem guten Weg, meint der Österreicher und nennt die Eröffnung einer Ski- und Snowboardschule im Trainingszentrum von Park City (Salt Lake City/Utah) als positives Beispiel.

Ski-WM der Rekorde,
Österreich in Favoritenrolle

Wie auch immer, die Chancen dafür, dass Vail 2015 nicht nur im TV, sondern auch abseits der Skipisten als Rekord-WM in die Geschichte eingehen wird, sind jedenfalls groß. So hat man der Veranstaltung ein bisher noch nie da gewesenes, aber dafür (angeblich) unaufdringliches Sicherheitssystem umgehängt, 1800 Medienvertreter sorgen dafür, dass die WM in der ganzen Welt bestmöglich präsentiert wird. Insgesamt werden bis 15. Februar rund 700 Athleten aus 68 Nationen in elf Bewerben um Medaillen kämpfen - 25 davon hat der ÖSV genannt. Vor zwei Jahren bei der Heim-WM in Schladming 2013 hatte sich Österreich im Medaillenspiegel den USA geschlagen geben müssen - geht es aber nach den Österreichern, so soll sich das in Vail wieder ändern. Dass dem US-Team das Kunststück tatsächlich wieder gelingen wird, darüber sind sich die Amerikaner selbst nicht ganz einig. Glaubt man zumindest der US-Lokalzeitung "Vail Daily", sollen Marcel Hirscher und Co. diese WM mit neun Medaillen, fünf davon in Gold, als Nummer eins beenden. Wie auch immer, die skibegeisterten Amerikaner werden dank NBC live dabei sein. Vail ist zwar nicht die Super Bowl, aber immerhin.