Lindsey Vonn gilt in ihrer Heimat Vail als Topfavoritin. - © ap/Trovati
Lindsey Vonn gilt in ihrer Heimat Vail als Topfavoritin. - © ap/Trovati

Wien/Vail. (rel) "Ich bin nicht tot, ich bin noch hier." Es ist ein Satz, der lange in den Ohren klingt. Gesagt hat ihn Lindsey Vonn im Februar 2013 - nach ihrem folgenreichen Horrorsturz bei der Ski-WM in Schladming. Nicht wenige hatten sie angesichts der schweren Verletzungen, die sich die Amerikanerin am Knie zugezogen hatte, schon abgeschrieben und die voreilige Frage gestellt: Wer wird die neue Lindsey? Die Antwort darauf hat Vonn, die eigentlich schon bei Olympia in Sotschi ihr Comeback feiern wollte, sich aber beim Training in Copper Mountain wieder verletzte und am Kreuzband operiert werden musste, in der laufenden Saison gegeben: sie selbst. Mit ihren Siegen in Lake Louise, Val d’Isère, Cortina und St. Moritz katapultierte sich die 30-Jährige erneut an die Spitze des Damenskisports und krönte sich mit bisher 64 Weltcupsiegen zur erfolgreichsten Skirennläuferin aller Zeiten. Für den Unsterblichkeitsstatus fehlt ihr nur noch Gold bei der WM in ihrer Heimat Vail. Der Super G in Beaver Creek war zu Redaktionsschluss noch im Gang.

Tatsächlich könnte man die Geschichte der unbeugsamen Athletin, die sich innerhalb von zwölf Monaten vom Operationstisch erfolgreich zurück in den Skizirkus gekämpft hat, nur mit einem Wort umschreiben: "Push". Zumindest ein Dutzend Mal fällt der Begriff in der exklusiven Vonn-Dokumentation "The Climb", die Red Bull gemeinsam mit dem US-amerikanischen TV-Network NBC produziert hat (Stream unter www.redbull.com) und die mit bewegenden Bildern sowie unterlegt mit dramatischer Musik die Auferstehung der Sportlerin nachzeichnet. Und "gepusht", also angetrieben, wurde sie in dieser Zeit von allen möglichen Seiten - von ihren Trainern, ihrer Physiotherapeutin, ihrem Freund - am meisten aber von ihrem Ego. "Ich bin noch nicht fertig", sagt sie in die Kamera. Und: "Stürze gehören dazu, die kann man nicht verhindern, außer man hört auf."

Ans Aufhören hat Vonn ohnehin nie gedacht. "Ich habe nie an meinem Comeback gezweifelt, die Frage war immer nur, wie lange es dauert", sagte sie am Montag nach dem Training im Zielraum von Beaver Creek und fügte achselzuckend hinzu: "Es hat länger gedauert, als ich wollte."

Verletzung lehrte Demut

Nun sind zwei Jahre im Leben einer Athletin eine lange Zeit. Aber Vonn hat sie genutzt, nicht bloß zur Wiederherstellung ihrer körperlichen Fitness, sondern auch zum Nachdenken. "Ich habe diese Mentalität, ans Limit zu gehen", sagte sie einmal über sich. "Entweder ich stürze oder ich gewinne." Allerdings hätten sie die vergangenen zwei Jahre auch Demut gelehrt. "Nach den Verletzungen wertschätze ich alles mehr."

Vor ihren schweren Verletzungen hatte Vonn sportlich über lange Zeit fast nur die schönen Seiten kennengelernt. Mit 20 Jahren gewann sie ihr erstes Weltcuprennen, mit 24 begann sie die schnellen Disziplinen zu dominieren - und wurde zur Seriensiegerin in Abfahrt und Super G. Sie gewann Olympia- und WM-Gold, viermal siegte sie im Gesamtweltcup. Als sie ihn 2011 um drei Punkte verpasste und statt ihr Maria Höfl-Riesch triumphierte, wäre deswegen beinahe die Freundschaft mit der Deutschen in die Brüche gegangen. In ihrer Heimat Amerika zum Star wurde Vonn erst nach ihrem Abfahrtssieg bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver. Und als solcher wird sie auch in Beaver Creek bejubelt. Skifahren sei die einzige Konstante in ihrem Leben gewesen, sagte sie einmal. "Wenn ich auf dem Berg bin, fühle ich mich frei."