Beaver Creek. (art) So eine Weltmeisterschaft schreibt viele Geschichten, und mitunter ließen sich schon mit einem einziges Rennen ganze Bücher füllen. Der Herren-Super-G von Beaver Creek kann durchaus als ein solches bezeichnet werden. Denn nachdem das Rennen zunächst wegen der Colorado-typischen Wetterkapriolen um einen Tag hatte verschoben werden müssen, hatte es der Bewerb - der dann am Donnerstag zwar mit zwischenzeitlichen Windböen, aber bei strahlendem Sonnenschein und fair über die Bühne ging - dann in sich. Und durch den neuen Weltmeister Hannes Reichelt brachte er auch schon im zweiten WM-Bewerb die zweite Goldmedaille in Österreichs Skiteam. "Es ist ein unbeschreibliches Gefühl", meinte Reichelt - und fügte nicht ohne Genugtuung an: "Es hat ja einige gegeben, die gesagt haben, bei Großereignissen bring’ ich’s nicht. Obwohl ich eigentlich schon Silber (Super G in Garmisch 2011, Anm.) habe."

Zunächst waren da aber die Comebacks von Bode Miller und Aksel Lund Svindal, die die für US-Verhältnisse zahlreich erschienenen Fans in Atem hielten. Miller, der unmittelbar hinter dem zu diesem frühen Zeitpunkt führenden Georg Streitberger ins Rennen gegangen war, legte zweieinhalb Monate nach seiner Rückenoperation bis zum Schlussteil eine fulminante Fahrt hin, ehe er bei einer Kompression am Tor hängen blieb und daraufhin spektakulär zu Sturz kam. Der vierfache Weltmeister konnte den Berg zwar alleine hinunterfahren, musste aber unten wegen einer tiefen Schnittwunde an der Wade verarztet werden und ist für die Abfahrt fraglich. Erst eine nähere Diagnose soll Aufschluss über mögliche weitere Verletzungen geben.

Deutlich besser erwischte es Svindal, der Norweger, der sich kurz vor dem Saisonbeginn einen Achillessehnenriss zugezogen hatte. Dass die meisten ein Comeback bei der WM für unmöglich hielten, beflügelte ihn sichtlich: Nach verhaltenem Beginn im steilen Startbereich wurde er immer schneller und übernahm zwischenzeitlich die Führung. Für eine Medaille reichte es dann zwar nicht, nach Endrang sechs wird man aber in der Abfahrt wieder mit dem Norweger rechnen müssen. Sein Landsmann Kjetil Jansrud dagegen wurde auf der Raubvogelpiste zum Pechvogel: Der Favorit blieb schon bei einem der ersten Tore mit dem Arm hängen, fuhr dann in einem wilden Ritt auf den zwischenzeitlichen dritten Rang; im Ziel wurde aber erst die eigentliche Leistung klar: Bei seinem Missgeschick hatte er sich offenbar so schwer verletzt, dass er den Arm gar nicht mehr heben konnte. Auch er ist für die Abfahrt fraglich. Doppeltes Pech: Als die Bronze-Medaille für ihn und den zeitgleich als Dritten im Ziel stehenden Matthias Mayer nach der Topgruppe schon festzustehen schien, raste der Kanadier Dustin Cook auf den zweiten Platz vor dem Franzosen Adrien Theaux - und verdrängte damit Jansrud und den Kärntner Olympiasieger noch vom Stockerl. "Die Hundertstelfett’n hab ich heuer nicht, aber ich hoffe, dass das irgendwann zurückkommt", meinte Mayer im Ziel. "Es zipft mich natürlich an, weil die Fahrt an und für sich nicht schlecht war."

"Froh, dass ich hier sein darf"

Am besten war aber freilich jene von Hannes Reichelt, der seinerseits einer anderen Geschichte ein Kapitel anhängte - einer echten Liebesgeschichte. Nach drei Super-G-Siegen in Beaver Creek, zuletzt auch bei der Generalprobe im Dezember, hatte er für viele als Topfavorit, noch vor Saisondominator Jansrud, gegolten. Dass er den Erwartungen, nicht zuletzt den eigenen, mit einer bis auf einen kleinen Fehler im Schlussteil äußerst präzisen Fahrt, gerecht wurde, sei eine "unbeschreibliche Erleichterung", meinte der 34-Jährige. Dass es ein sehr guter Lauf war, sei ihm klar gewesen, wozu es schließlich reichen würde, freilich nicht. "Beim vorletzten Tor habe ich mir gesagt, okay, mehr kann ich nicht. Egal, was rauskommt, ich habe mir nichts vorzuwerfen." Es wurde der größte Erfolg seiner Karriere. Doch er dachte auch daran, dass diese vor einem Jahr auch hätte vorbei sein können, als er Olympia wegen seines Bandscheibenvorfalls verpasste. "Ich bin froh, dass ich überhaupt hier sein darf", sagte er im Moment des Triumphs.