Vail/Beaver Creek. Eine alte Weisheit im Skisport lautet: Abfahrtsweltmeister wird man nicht zufällig, Gold geht nur an die Besten der Besten. Was sich auch - bis auf ganz wenige Ausnahmen - in der elitären Siegerliste der Königsdisziplin des alpinen Skirennsports widerspiegelt: So lässt sich ein weiter Bogen spannen von Toni Sailer (1956/1958), Karl Schranz (1962) und Jean-Claude Killy (1966/1968) über Bernhard Russi (1970/1972) und Franz Klammer (1976) sowie später Pirmin Zurbriggen (1985) und Patrick Ortlieb (1996) bis hin zu Hermann Maier (1999), Michael Walchhofer (2003), Bode Miller (2005) und Aksel Lund Svindal (2007/2013).

One-Hit-Wonder finden sich im Gegensatz zu Olympischen Spielen, wo mitunter weniger anspruchsvolle Strecken den Favoritenkreis erweiterten, auf WM-Pisten weniger. Meist sind es außergewöhnliche Umstände, die Zufallsweltmeister produzierten, wie die Rattlesnake-Bobbahn, die Hansjörg Tauscher 1989 in Vail Gold brachte; oder es waren günstige Startnummern, die Außenseiter nach vorne spülten - wie Jens Lehmann, der 1993 mit hoher Nummer die Chaos-Abfahrt in Morioka gewann oder John Kucera, der 2009 mit niedriger Nummer den Titel in Val d’Isère holte.

Einen Zufallsweltmeister, da sind sich so ziemlich alle Experten einig, sollte es diesmal in Beaver Creek nicht geben (auch wenn der Super-G-Vizeweltmeister Dustin Cook ein mahnendes Gegenbeispiel ist): Da die selektive Birds-of-Prey-Piste gewiss kein Kindergeburtstag ist, wird beim Rennen am Samstag (19 Uhr MEZ, ORF eins) jedenfalls ein würdiger Weltmeister für zwei Jahre die Krone im alpinen Skirennsport tragen.

Nimmt man die bisherigen Saisonresultate und die jüngsten Leistungen im Weltcup und bei der WM herbei, bahnt sich ein spannendes Nationenduell zwischen Norwegen und Österreich an. Kjetil Jansrud und Aksel Lund Svindal auf der einen Seite, Hannes Reichelt und Matthias Mayer auf der anderen Seite. Mit naturgemäß jeder Menge Athleten, die auch Chancen auf Edelmetall haben, so sie die Raubvogelpiste fehlerfrei bewältigen: Vom Italiener Dominik Paris über die Schweizer Patrick Küng und Beat Feuz bis hin zum Lokalmatador Travis Ganong.

Der Super G am Donnerstag hat aber bereits die Reihen der Medaillenanwärter etwas gelichtet: Miller kann in der Abfahrt nicht mehr antreten, Jansrud wird wohl mit Schulterschmerzen ins Rennen gehen müssen, Paris wiederum scheint mit den Verhältnissen (anders als zuletzt in Kitzbühel) nicht wirklich zurecht zu kommen, was Rang 14 im SuperG belegt. Und die Schweizer (Didier Défago kam als Bester auf Platz 7) sowie die US-Amerikaner stehen mangels Edelmetall schon gehörig unter Druck. All das kann man von den Österreichern im Allgemeinen und Super-G-Champion Reichelt im Besonderen nicht behaupten. Denn der schwebt nach seinem Goldlauf klarerweise auf Wolke sieben und kann nun ziemlich locker den nächsten Ritt über die Raubvogelpiste wagen. Und spielt gedanklich schon mit Doppel-Gold: "Die Form passt, natürlich ist es möglich. Aber davor wartet noch sehr viel Arbeit auf mich", sagte der 34-jährige Salzburger, der sich mit WM-Gold einen Bubentraum erfüllt hat: 1991 hatte er zehnjährig den Riesentorlauf-Triumph von Rudi Nierlich live in Saalbach miterlebt und sodann einen Entschluss gefasst: "Es war richtig cool, wie die Leute dem Rudi zugejubelt haben. Ich hab’ mir gedacht: Wow, das ist ein Held. Seitdem wollte ich das auch einmal erreichen, und jetzt ist dieser Kindheitstraum in Erfüllung gegangen", erzählte Reichelt nun in Beaver Creek.