Vail/Beaver Creek. (may) Nur 3,16 Sekunden Rückstand auf den vielleicht besten Abfahrer der Gegenwart - auf einer der schwierigsten Strecken der Welt: Marcel Hirscher legte am Sonntag mit einem famosen Lauf in der Abfahrt nicht nur die Basis für seinen WM-Titel in der Kombination (19Hundertstelsekunden vor dem Halbzeitführenden Kjetil Jansrud), sondern der unerwartet makellose Ritt über die Birds-of-Prey scheint auch die Speed-Leidenschaft des 25-jährigen Salzburgers entflammt zu haben. Auch wenn der nunmehrige dreifache Weltmeister am Tag seines Triumphes umgehend einschränkte, dass er deshalb "noch lange kein Abfahrer" sei, reizt ihn die Königsdisziplin des Skisports offenbar mehr, als er sich je hätte vorstellen können: "Mit Abfahrtsskiern den Berg hinunterzufahren, das ist einfach großartig." Zumal das Dahingleiten bei mehr als 120km/h wesentlich harmonischer sei, als das mitunter unrhythmische Gemurkse in seiner Paradedisziplin Slalom.

Und so kokettiert der dreifache Gesamtweltcup-Sieger durchaus mit einem Wechsel in die schnellen Disziplinen Abfahrt und Super G. "Das kann der Plan sein. Die Frage ist, ob darunter meine Kerndisziplinen Riesentorlauf und Slalom leiden würden. Das ist eine persönliche Entscheidung, die ich treffen muss." Eine Frage, die sich vielleicht dann stellt, wenn er die große Kristallkugel heuer zum vierten Mal stemmt und dann nächste Saison - wo kein Großereignis ansteht - eine neue Herausforderung sucht.

So überraschend ist dieser Plan allerdings auch wieder nicht: Denn schon im Interview mit der "Wiener Zeitung" im Sommer 2013 hat er einen möglichen Wechsel in die Speed-Disziplinen vorausgesagt, da das Slalom-Fahren auf lange Sicht einmal körperliche Probleme machen könnte. "Und wenn ich heute nicht im Speed-Bereich dranbleibe, ist der Zug früher oder später abgefahren." Um dann auch nicht auszuschließen, vielleicht einmal rennmäßig über die Kitzbühler Streif zu gehen: "Der Reiz und die Faszination sind definitiv spürbar", meinte Hirscher schon damals.

Die Gegenwart lautet freilich Vail/Beaver Creek, und dort hat der Annaberger noch drei Mal die Chance auf Gold beziehungsweise Edelmetall. Nach dem Teambewerb am Dienstag steht am Freitag der Riesentorlauf an, wo er als vierfacher Saisonsieger der Top-Favorit ist, ehe er dann am Sonntag als Titelverteidiger von Schladming in den finalen Slalom geht. Nach seinem Kombinations-Coup wurde Hirscher bereits gefragt, ob er nun auf vier Goldmedaillen in den USA losgehe. "Darüber hab ich noch keine Sekunde nachgedacht. Für mich war es schon eine gewagte und untypische Aussage, dass ich eine Medaille egal in welcher Farbe möchte. Das hätte man noch vor zwei Jahren bei der WM in Schladming nie von mir gehört", antwortete er. Über die erste Medaille in Colorado konnte er sich auch deshalb so ausgelassen freuen, weil sie aufgrund der Vorzeichen so unverhofft dahergekommen sei. "Ich bin in dieses Rennen als komplett chancenloser Typ hineingegangen. Das ist mein purer Ernst. Deshalb hat diese Goldmedaille einen irrsinnigen Stellenwert." Es ist zudem ein Titel, der den Druck bei den kommenden Aufgaben komplett nehmen sollte: "Diese Goldmedaille macht ihn vom Kopf her ruhiger. Und seine eigentlichen Disziplinen kommen ja erst", erklärte sein Physiotherapeut Alexander Fröis.

Ondrej Bank: Glück im Unglück

Überschattet wurde der Kombinationsbewerb vom schweren Sturz des Medaillen-Mitfavoriten Ondrej Bank am Zielsprung der Abfahrt: Der Tscheche erlitt bei seinem Abflug beim Red-Tail-Zielsprung eine Gehirnerschütterung, Cuts im Gesicht und Prellungen an den Beinen. Der 34-jährige Kombinationsspezialist, der im Weltcup zwei dritte Ränge erzielen konnte, hatte kurz vor dem Zielsprung einen Ski verloren, war danach in ein Tor gekracht und nach seinem Sturz in den Zielbereich geschlittert. Dort waren dann sofort mehrere Ärzte des WM-Teams zur Erstversorgung zur Stelle.

Wenige Stunden nach dem Sturz postete Bank auf seiner Facebook-Seite ein Foto aus dem Spital. Bank hatte dabei einen Becher Tee in der Hand, das Gesicht des Tschechen war vom Crash sichtlich gezeichnet. "Ondrej trinkt Tee und täuscht Müdigkeit vor", lautete der scherzhafte Kommentar seines Bruders und Trainers Tomas Bank.