Vail/Beaver Creek. Mit Großereignissen stand Eva-Maria Brem bisher auf Kriegsfuß: Die Heim-WM in Schladming vor zwei Jahren verpasste sie trotz der Weltcupränge acht und neun im Riesentorlauf, auch bei Olympia in Sotschi wurde sie im Jahr darauf nicht berücksichtigt. Die heute 26-jährige Tirolerin, die bis dahin mit ihrem Schicksal als brave Platzfahrerin ganz zufrieden schien, verzweifelte an dieser doppelten Enttäuschung beinahe und drohte, dem Ski-Rennsport für immer adé zu sagen. Doch nach einer intensiven Phase des Überlegens und dem Versuch, punkto Material noch einmal alles auf den Kopf zu stellen, fand Brem plötzlich in die Erfolgsspur. Seit diesem heilsamen Schock ist die Athletin aus Münster die konstanteste Riesentorläuferin im gesamten Weltcupzirkus. Seit März 2014, seit dem Weltcup in Aare, belegte Brem die Ränge 3, 4, 2, 3, 1, 3 und 4. Das ergibt nicht nur die momentane Führung in der Weltcup-Disziplinenwertung, sondern auch automatisch die Favoritenrolle für den WM-Bewerb am Donnerstag (18.15/22.15 Uhr).

Zumal zwei nicht unwesentliche Faktoren für die blonde Tirolerin sprechen: Ihre Goldmedaille bei dieser WM hat sie seit Dienstag schon, denn als Mitglied des erfolgreichen ÖSV-Teams gewann sie den Titel dank eines 3:1-Finalerfolgs über Überraschungsmannschaft Kanada. Und in diesem slalomartigen Parallelbewerb war Brem jeweils als Startläuferin eine ungemein wichtige Führungspersönlichkeit: Drei ihrer vier Läufe gewann sie - nur im Finale hatte sie gegen die kanadische Slalomspezialistin Erin Mielzynski das Nachsehen. Der Teambewerb zeigte aber auch, dass Brem mit dem tückischen nordamerikanischen Schnee wieder bestens zurecht kommt - so wie bei ihrem Weltcup-Premierensieg Ende November in Aspen.

Es wäre also ein ganz besonderes Märchen, könnte die als ewiges Talent verschriene und von vielen schon abgeschriebene Skifahrerin bei diesen Titelkämpfen nun zur Goldmarie mutieren. Ein Gedanke, mit dem sich die stille und zurückhaltende Athletin wohl noch nicht sonderlich intensiv befasst hat. Während ihre Teamkollegin und ebenso Mitfavoritin Anna Fenninger sowie Riesentorlauf-Olympiasiegerin und Vail-Doppelweltmeisterin Tina Maze schon mehrfach Abfahrts-, Super-G und Après-Ski-Pisten bewältigt haben und dort entsprechend Energie liegen ließen, war bei der Tirolerin Ruhe und Stille angesagt. Zumal ihr letzter Weltcup-Einsatz fast einen Monat her ist (Platz 33. im Flachau-Slalom). Die Rennpause nutzte sie zum einwöchigen Skitouren-Gehen und für Materialtesten für die nächste Saison. "Die Auszeit war gut. Mir ist jedenfalls nicht langweilig geworden", erzählt Brem. Zuletzt bereitete sie sich in Aspen auf ihre WM-Einsätze vor - angesichts des erfolgreichen WM-Einstands scheint der Plan voll aufzugehen: "Ich wollte den Riesentorlauf nicht so übermächtig wichtig werden lassen und bin sehr froh, dass es so toll geklappt hat", sagt die Neo-Weltmeisterin, die rasch anfügt: "Jetzt ist der ganz große Druck weg." Dennoch sieht sie andere in der Pflicht, zu siegen: "Ich persönlich fühle mich nicht als Gejagte. Denn Anna und Tina fahren alleine aufgrund ihrer bisherigen Erfolge eine halbe Sekunde schneller als normal."

Das Feld der Medaillenanwärterinnen ist heuer aber besonders groß: Außer Fenninger und Maze zählen vor allem auch US-Lokalmatadorin Mikaela Shiffrin und Kühtai-Siegerin Sara Hector zu den Mitfavoritinnen. Auch die weiteren Österreicherinnen, die nach neuerlichem Team-Gold vor Selbstbewusstsein strotzende Michaela Kirchgasser und Kathrin Zettel, wollen ein Wörtchen um die Medaillen mitreden.

"Team-Gold beweist Breite"

Für das ÖSV-Team geht es bereits um Gold Nummer fünf - so viel gab es auch beim legendären Goldrausch anno 1999 in Vail. Den vierten Titelgewinn fuhren das Quartett Marcel Hirscher, Christoph Nösig, Brem und Kirchgasser ein (Philipp Schörghofer und Nicole Hosp blieben Ersatz). ÖSV-Sportdirektor Hans Pum war merklich entzückt: "Diese Goldmedaille freut mich besonders. Denn sie bestätigt einfach, dass wir breit aufgestellt sind."