Beaver Creek. (rel/may) Nun ist es amtlich. Österreich steuert bei der laufenden alpinen Ski-WM in Vail/Beaver Creek auf ein historisches Ergebnis zu. Nach bereits acht gewonnenen Medaillen kam am Freitagabend beim Riesentorlauf der Herren eine weitere dazu. Für den Coup gesorgt hat wieder Österreichs verlässlichste Medaillenbank: Marcel Hirscher. Er fuhr nach einem vorsichtig angelegten ersten Durchgang erneut ins Spitzenfeld. Die Silbermedaille ist bereits sein drittes Edelmetall bei dieser WM - nach Gold in Kombination und Teambewerb. Hirscher musste sich mit einem Rückstand von 0,45 Sekunden knapp seinem Erzrivalen Ted Ligety geschlagen geben. Bronze ging an den Franzosen Alexis Pinturault.

Marcel Hirscher war und ist Österreichs zuverlässigste Medaillenbank bei dieser Ski-WM. - © ap/Linsley
Marcel Hirscher war und ist Österreichs zuverlässigste Medaillenbank bei dieser Ski-WM. - © ap/Linsley

Dabei hatte der Riesenslalom, der in Colorado zu einem regelrechten Krimi mit vielen Ausfällen geriet, mit einer Schrecksekunde begonnen. Benjamin Raich, der mit der Startnummer eins in den ersten Durchgang gegangen war, fiel bereits nach nur 30 Sekunden aus - und sein erster Auftritt bei dieser WM war schon vorbei, bevor er eigentlich richtig begonnen hatte. Seine zu direkte Linie und zu hohe Geschwindigkeit wurden ihm im Mittelteil zum Verhängnis und er raste nach einer unübersichtlichen Kante am Tor vorbei. So wie ihm ging es an diesem Tag auch Christoph Nösig, der ebenfalls nach einem Fehler ausrutschte. Nicht so Hirscher. Er war als dritter Starter zur Bestzeit gefahren und als Führender in den zweiten Durchgang gegangen. Die Ausgangssituation nutzte der Annaberger aus, um in einer spannenden Aufholjagd auf Ligety aufzuschließen.

Hoffen auf Slalom

Jeder gegen jeden, Medaille oder Ausfall: Unter diesem Motto werden sich am Sonntag (18.15/22.15 Uhr) auch beim finalen Bewerb der alpinen Ski-WM die besten Slalomartisten den Schlusshang der Raubvogelpiste runterstürzen - und hoffen, dass ihre Vollgas-Fahrt am Ende mit Edelmetall belohnt wird. Nirgendwo sonst ist das Ausfallrisiko so hoch wie im Slalom und nirgendwo sonst fallen tatsächlich so viele aus wie bei weltmeisterlichen und olympischen Torläufen; allzu gut in Erinnerung ist etwa noch die Ausfallsorgie in Krasnaja Poljana, als vor einem Jahr die Olympiagold-Favoriten nur so in den Frühlingsschnee purzelten. Bei Großereignissen zählen eben nur Gold, Silber oder Bronze, lieber im Schnee liegen, als zu Blech carven, denken sich da viele.

Und angesichts des riesengroßen Favoritenkreises im Herren-Slalom bleiben Läufer, die mit einer sauberen Fahrt sicher ins Ziel kommen wollen, besser gleich am Start, denn sie wären chancenlos: Sechs verschiedene Siegergesichter hat der heurige Slalom-Weltcup in acht Rennen schon gesehen - jedes aus einer anderen Nation. Somit kann sich gut ein Dutzend Fahrer am Sonntag Chancen auf den großen Coup ausrechnen - mit einem Traumlauf ist jeder vorne mit dabei. Vom zweifachen Saisonsieger Felix Neureuther über den starken Russen Alexander Choroschilow, Adelboden-Triumphator Stefano Gross bis hin zu den Schweden Mattias Hargin, Andre Myhrer und Markus Larsson sowie den Norwegern Henrik Kristoffersen und Sebastian Foss-Solevaag ist jeder für einen Sieg gut. Natürlich nicht zu vergessen die gefährlichen Franzosen um Jean-Baptiste Grange, Alexis Pinturault und Julien Lizeroux sowie der Flachhang-Liebling Giuliano Razzoli und der konstante Spitzenathlet Fritz Dopfer.

Somit wird aber auch die Titelverteidigung für Marcel Hirscher, der vor zwei Jahren in Schladming vor 40.000Fans sein Meisterstück abgeliefert hatte, fast zur Mission Impossible. Zumal der Torlauf anders als in den Vorsaisonen heuer nicht mehr seine dominante Disziplin ist. Zwei Siegen (Aare und Zagreb) sowie drei Stockerlplätzen stehen ein Ausfall (Wengen) und ein enttäuschender 14. Platz im letzten Prä-WM-Rennen in Schladming gegenüber. "Ich bin schlecht Ski gefahren. Ich muss schauen, dass ich im Slalom zur Form finde. So mies war ich schon lange nicht mehr", diagnostizierte der Salzburger damals selbstkritisch. Wie der Überraschungserfolg in der WM-Kombination (mit Laufbestzeit im Slalom) sowie die starken Läufe im Teambewerb bewiesen, hat er seine Form längst wieder erlangt.

Und mit frischen Goldmedaillen um den Hals lässt es sich gewiss auch viel leichter Slalomfahren als vor zwei Jahren. Damals lastete der ganze Druck der Skination auf seinen Schultern - Hirscher musste es im letzten Bewerb richten und die einzige Einzel-Goldene bei den Heimspielen sichern. Damals war Gold Pflicht, am Sonntag wäre sie bloß Kür. Ein rot-weiß-rotes Gold unter vielen.

Matt: Der Erfolgreichste tritt ab

Das sollte aber auch die restliche, nicht unbedingt erfolgsverwöhnte heimische Slalom-Equipe beflügeln: Mario Matt etwa, der erfolgreichste österreichische Slalomfahrer der Ski-Geschichte mit Olympiagold 2014 sowie den beiden WM-Titeln 2001 und 2007. Es wäre allerdings eine mittlere Sensation, wenn sich der 35-Jährige zum dritten Mal WM-Gold holen würde, denn zu einer an Ausfällen reichen Saison gesellte sich ein kapitaler Sturz beim Training in Colorado, der ein Antreten in Frage stellte, sowie ein lästiger Infekt. Dabei ist es definitiv sein letztes Großereignis, denn ein Antreten bei der WM in zwei Jahren in St. Moritz schließt Matt heute "zu hundert Prozent" aus. "Natürlich ist das alles andere als positiv. Aber wenn ich halbwegs schmerzfrei in den Skischuh steigen kann und die Abstimmung treffe, dann weiß ich, dass ich es drauf habe. Mein Speed passt, auch wenn es die Ergebnisse in dieser Saison noch nicht gezeigt haben", meinte Matt. Ein Umstand wird ihn zusätzlich motivieren: In der ÖSV-Mannschaft steht neben ihm, Hirscher, Benjamin Raich und Reinfried Herbst auch noch sein 21-jähriger Bruder: Michael Matt.