Wien. Es geschah am 23. Jänner 2000: In Kitzbühel taucht ein 1,88Meter großer Tiroler mit wasserstoffblondem Haar auf, um mit Startnummer 47 die gesamte Slalomelite in Grund und Boden zu fahren. Es ist der erste große Sieg des Mario Matt, als er 20-jährig mit nur 1,76-Meter-Carvern gleich den Klassiker am Ganslern gewinnt und eine Kurzski-Demonstration par excellence hinlegt. Wie schier unvorstellbar lange dieser Sieg schon her ist, zeigt wohl am anschaulichsten die Liste der damaligen Konkurrenten von Matt: Ole-Christian Furuseth, Michael von Grünigen, Thomas Stangassinger, Mario Reiter, Finn-Christian Jagge. Nun dürfte auch der 35-Jährige bald in den elitären Kreis der Ex-Stars des alpinen Skizirkus rücken. Am Donnerstag (12Uhr/live ORFSport+) wird der erfolgreichste heimische Slalomfahrer aller Zeiten in St. Anton über seine Zukunftspläne sprechen - alles andere als die Bekanntgabe seines Rücktritts wäre freilich eine Sensation.

Zumal der "Adler aus Flirsch" nie ein Mann der großen Sprüche und des Rampenlichts war - im Gegenteil. Vielmehr war er der personifizierte Horror einer ganzen Sportreportergeneration, die mit den Skistars ohnedies schon ihre liebe Not hat, wenn ihnen im Ziel frischgebackene Gewinner nicht mehr als ein "Ich kann’s noch gar nicht realisieren" entgegenschnaufen. Aus dem vor den Kameras meist nur gequält lächelnden Matt war aber oft nicht einmal das herauszuholen (privat soll der Arlberger übrigens ganz anders sein). Entfesselte Emotionen, laute Siegesschreie, flotte Sprüche, extravagante Siegesposen - nein, das war seine Sache nicht. Mario Matt konnte sich wohl am besten im Stillen freuen, denn zum Freuen hatte er in seinem langen, langen Sportlerleben wirklich ausreichend Gelegenheit. Ein Olympiasieg und zwei Weltmeistertitel im Slalom machen ihn in dieser Disziplin zu einem der Größten aller Zeiten. Dazu sammelte er noch weitere WM-Medaillen in Form von Team-Gold, Kombinations-Silber und Slalom-Bronze. Insgesamt 15 Mal durfte man ihn im Weltcup zum Siegerinterview bitten, davon 14Mal in seiner Paradedisziplin Torlauf, ein Mal entschied er sogar eine Super-Kombination für sich. Matts letzter Weltcup-Triumph gelang ihm im Olympiawinter, als er im Dezember 2013 in Val d’Isère zum Sieg fuhr, was dem 34-jährigen Oldboy einen Eintrag in die Rekordbücher bescherte: Als ältester Slalomsieger der Geschichte löste er damals den Norweger Jagge ab.

Doch für Matt, der in den vergangenen Jahren im Schatten Marcel Hirschers stand, hatten die 15 Jahre Spitzensport nicht nur viele Höhen, sondern auch schier endlose Tiefen zu bieten. Hochgespült von der Welle der Kurzskirevolution, die unzählige neue Siegläufer - teilweise ausgerüstet mit Kaufhausski - hervorbrachte, avancierte er früh zum Star und durfte 2001 vor 50.000 Zuschauern bei der WM in St. Anton Gold in Empfang nehmen. "Ein Wahnsinn", beschrieb er damals seinen Ausnahme-Gemütszustand in der unmittelbaren Heimat in prägnanter Matt-Manier.

Doch der Wahnsinn sollte erst noch folgen: Just an der Stätte seines ersten großen Erfolgs, in Kitzbühel, verletzte er sich erstmals schwer - Schulterverletzung beim Slalom 2002. Erst 2004 fand Matt in die Erfolgsspur zurück und schaffte es wieder aufs Stockerl, natürlich auf seinem Goldberg in St.Anton.

Ein ewiges Auf und Ab

Doch zum konstanten Siegfahrer sollte er erst in den Jahren 2007 und 2008 werden, als ihm sechs Weltcupsiege gelangen - mit der Krönung des zweiten Slalom-WM-Titels in Aare. Doch so langsam und zäh sich Matt wieder in die Weltspitze zurückgekämpft hatte, so rasant ging es nachher wieder bergab: Falsche Materialabstimmung, Rückenschmerzen, eine Serie an Ausfällen sorgten für einen veritablen Sinkflug des Doppelweltmeisters. Und im Dezember 2010 fand er sich dort wieder, wo er einst in Kitzbühel angefangen hatte - mit Startnummern um die 50. Doch wo andere aufgegeben hätten und auch zahlreich aufgegeben haben, da wollte es der Tiroler noch einmal wissen - obwohl er sich als Pferdezüchter und Lokalbesitzer längst ein zweites Standbein aufgebaut hatte. Und so nahm er, der mehrere Technikrevolutionen erfolgreich mitgemacht hat, den Kampf mit den jungen, wilden Carving-Tempobolzern auf. Nach WM-Bronze 2013 spielte er auf Nassschnee bei Olympia seine ganze Routine aus und fuhr zu Gold.

Dass er im Jahr darauf sechs Ausfälle fabrizierte (statt noch einmal um WM-Gold zu kämpfen) und nun vorzeitig seinen Abgang verkündet (statt um die kleine Kristallkugel zu kämpfen), passt dann auch wieder in die große Karriere des Mario Matt - so bitter das letzte Weltcup-Jahr auch gewesen sein mag.