St. Anton. (may) Irgendwann in diesem Winter, so erzählte Mario Matt fast beiläufig, sei in ihm eine Sehnsucht erwacht. Es geschah, als er - wie fast jeden Tag - auf der hart-vereisten Piste Slalom trainieren musste. Da sei sein Blick plötzlich in die Ferne geschweift, wo gerade die Touristen und normalen Skifahrer ihre Schwünge durch den Tiefschnee zogen. "Da habe ich mir Gedanken gemacht, dass das jetzt fast mehr Spaß machen würde", erzählte der Olympiasieger und Doppelweltmeister im Torlauf. Ab sofort kann er dort reinen Gewissens der Urform des Skisports frönen - denn seit Donnerstag ist der 35-Jährige durch die erwartete Verkündigung seines Rücktritts nur noch Ex-Rennfahrer. Tiefschnee statt Eispiste, echter Wald statt Stangenwald also.

Der Arlberger wird auch nie wieder eine Weltcup-Startnummer überstreifen und somit auch beim Slalom am Sonntag im slowenischen Kranjska Gora fehlen, wo er sich nach schwachen Saisonleistungen und sechs Ausfällen für das Finale in Méribel erst hätte qualifizieren müssen. Die Knöchelverletzung, die er sich kurz vor seinem Einsatz bei der WM in Beaver Creek im Training zugezogen hatte, habe sich nämlich als gravierender und hartnäckiger als zunächst erwartet herausgestellt, was einen nochmaligen Renneinsatz unmöglich mache, erklärte Matt bei seiner Abschieds-Pressekonferenz im Zielstadion von St. Anton.

St. Anton war auch eine würdige Abschiedsbühne für einen der größten Skifahrer Österreichs, jedenfalls aber den erfolgreichsten rot-weiß-roten Slalomartisten aller Zeiten. Dort, wo er 2001 bei der Heim-WM seinen wohl emotionellsten Sieg feiern durfte, in seiner Tiroler Heimat, dort durfte er 14 Jahre später auch dem Ski-Business Adieu sagen. Dazwischen lagen eine zweite WM-Goldene im Slalom und eine weitere im Team (in Aare 2007), der Olympiatriumph 2014 in Sotschi und insgesamt 15Weltcupsiege. Aber auch etliche Rückschläge durch Verletzungen und Materialunsicherheiten, die ihn mehrmals von der Spitze in die Untiefen einer sich während seiner langen Laufbahn stark verändernden Sportart katapultierten. Dass er niemals aufgegeben hat und den Kampf mit den vielen Jungen im Slalom erfolgreich wieder aufgenommen hat - diese Tugend wurde bei Matts Abschied allseits besonders hervorgehoben. "Nach Verletzungen muss man kühlen Kopf bewahren, das ist mir gelungen, ich hatte dabei auch ein gutes Umfeld. Es war auch eine große Motivation, sich mit hohen Startnummern wieder nach vorne zu kämpfen", fasste der "Adler von Flirsch" zusammen.

Und so war es auch möglich, dass Matt im Februar 2014 seinen bedeutendsten Erfolg einfahren konnte: "Dass ich im hohen sportlichen Alter noch den Olympiasieg geschafft habe, war etwas ganz Besonderes. Es ist viel harte Arbeit, das sieht man im Fernsehen nicht." Die Entscheidung, danach nicht zurückzutreten, sondern es in der WM-Saison noch einmal wissen zu wollen, sei aber richtig gewesen, verteidigte Matt. "Ich glaube, dass ich alles richtig gemacht habe, auch wenn ich jetzt gespürt habe, dass Rennen fahren nicht mehr das Wichtigste ist. Letztes Jahr hatte ich das Gefühl noch nicht. Obwohl die Resultate heuer nicht auf dem Papier stehen, weiß ich, dass ich noch mit den Schnellsten mitfahren könnte." Sein Präsident Peter Schröcksnadel ist sogar überzeugt, Matt hätte noch eine Saison angehängt, wäre ihm die Knöchelverletzung nicht passiert. Und er sparte nicht mit Lob: "Für uns ist wichtig, was er uns gegeben hat. Der WM-Titel in St. Anton war wunderbar, der Olympiasieg zum Abschluss war der größte." ÖSV-Sportdirektor Hans Pum wiederum strich Matts trockenen Schmäh hervor - und dass er es gewesen sei, der das heutige Slalomcarving damals in der Stunde null der Kurzskitechnik erfunden habe: "Die ganze Welt hat zu ihm aufgeschaut."

"Er reißt ein tiefes Loch"

Außer beim Skifahren wird das Glück dieser Welt für Matt künftig auf dem Rücken der Pferde liegen, ist er doch schon seit Jahren erfolgreicher Züchter von Vollblutarabern. Und der ÖSV darf hoffen, dass er seinem Bruder Michael (21) dabei hilft, in der Slalomelite Fuß zu fassen (die Fußstapfen des großen Bruders werden wohl etwas zu groß sein). Die Techniktruppe hat jedenfalls großen Bedarf an jungen Athleten, mit dem Rücktritt von Matt bleibt endgültig nur noch Marcel Hirscher als Siegfahrer übrig. Und auch die Tage von Reinfried Herbst und Benjamin Raich neigen sich dem Ende zu. "Matt reißt in der Slalomtruppe ein tiefes Loch, sowohl sportlich als auch menschlich", sprach Herren-Chef Andreas Puelacher zum Abschied des Paradesportlers.