Sölden. Es sind drei Fragen, die Skirennläufer alljährlich Ende Oktober bewegen: Wie schnell bin ich? Wie gut stehe ich auf dem Ski? Und wo stehe ich im Vergleich zur Konkurrenz? Eine Antwort gibt es mit großer Wahrscheinlichkeit erst dann, wenn die steile Eispiste am Söldener Rettenbachferner in zwei Riesentorlaufdurchgängen bewältigt ist. Denn Training in der Sommervorbereitung und Rennen im Weltcup sind bekanntlich zwei Paar Skischuhe. Und so passierte es in der Vergangenheit öfters, dass hoffnungsfrohe Trainingsweltmeister in Sölden auf dem Boden der Realität und also im hinteren Klassement landeten, während sich andere, die die nicht so ideale Vorbereitung bejammerten, strahlend auf dem Stockerl wiederfanden, weil sie eben nur im Rennen zu großer Rennfahrerform finden.

Schlag nach bei Marcel Hirscher, der auch heuer wieder gerne besser, intensiver und effizienter trainiert hätte und dem angeblich Abfahrts-Olympiasieger Matthias Mayer (in Sölden wegen einer Schuhrandprellung zum Zuschauen verdammt) um die Ohren gefahren ist: Die von ihm so titulierte erste Schularbeit namens Weltcupauftakt hat Hirscher dann aber stets bravourös gemeistert - auf einem Stockerlplatz oder als Sieger. Bei seinem SöldenTriumph im Vorjahr - der erste rot-weiß-rote Heimerfolg nach Hermann Maier anno 2005 - hängte er den zweitplacierten Deutschen Fritz Dopfer gleich um 1,58 Sekunden ab. Und es war der Auftakt zum besten Riesentorlauf-Jahr in der Karriere des vierfachen Gesamtweltcupsiegers: mit Siegen in Aare, Alta Badia, Adelboden, Garmisch-Partenkirchen (mit dem Rekordvorsprung von 3,28 Sekunden) sowie je einem zweiten und dritten Platz in Kranjska Gora und Beaver Creek. Lediglich beim Weltcup-Finale in Méribel, als wegen der großen Kristallkugel ein sicheres Resultat vor einem erneuten Sieg ging, schaffte es der 26-jährige Salzburger als Vierter knapp nicht aufs Siegerfoto.

Doch die wohl wichtigste Erkenntnis der vergangenen Riesentorlauf-Saison war, dass der Material-bedingte Rückstand Hirschers auf Ted Ligety - der zu Beginn der Technikreform anno 2012 gut drei Sekunden betragen hat - in einen eindrucksvollen Vorsprung umgewandelt wurde. Der US-Star konnte im Vorjahr nur noch auf Heim-Schnee in Beaver Creek gewinnen - dort freilich auch neuerlich den WM-Titel.

Doch all das könnte beim ersten Rennen am Sonntag (9.30/12.45 Uhr) wieder Schnee von gestern sein. Oder wie es Hirscher ausdrückt: "Neue Saison, neue Gesetze." Und daher lässt sich der Annaberger am Beginn seiner Mission fünfte Gesamtweltcup-Kugel nur den allseits bekannten Stehsatz entlocken: "Das muss sich ergeben." Sprich: Ohne viele Siege und Stockerlplätze, mit Ausfällen oder gar Verletzungen, wird es am Ende nichts mit der Einstellung des Rekordes von Marc Girardelli. Zugleich muss auch die Konkurrenz mitspielen und darf nicht besser sein: Wie die üblichen verdächtigen Konkurrenten heuer drauf sind - also Kjetil Jansrud, Aksel Lund Svindal und Alexis Pinturault - wird man wohl schon am Sonntag erkennen können. Auch, ob Rest-Österreich nach dem Abgang von Benjamin Raich (in Person von Philipp Schörghofer und Christoph Nösig) mit der Weltspitze halbwegs mithalten kann.

Drei ÖSV-Debütantinnen


Bei den Damen am Samstag (9.30/12.45 Uhr) ruhen die rot-weiß-roten Hoffnungen nach der Verletzung von Anna Fenninger allein auf Eva-Maria Brem, die im Vorjahr fünf Mal auf dem Riesentorlauf-Stockerl gestanden ist und das Rennen in Aspen für sich entschieden hat. Ins Weltcup-Feuer werden auch drei Debütantinnen geworfen: Für Katharina Gallhuber (18), Elisabeth Kappaurer (21) und Stephanie Resch (19) gilt es, Erfahrungen zu sammeln und heil ins Ziel zu kommen.