"Um Gottes willen", brüllt Armin Kogler ins Mikrofon. Der Skisprungexperte des ORF ist merklich besorgt. Kein Wunder, als ehemaliger Weltcupsieger erkennt er sofort, dass dieser Sprung zu weit gehen muss. Gregor Schlierenzauer segelt mit viel zu hohem Luftstand in den Radius des Lysgårds-Bakken im norwegischen Lillehammer. Sichtlich panisch versucht er den Sprung abzubrechen, um früher – und halbwegs sicher – zu landen. Der Landedruck im flachen Teil des Aufsprungs zwingt ihn trotzdem zum Sturz. Nach 150,5 Metern Luftfahrt strauchelt Schlierenzauer in den pickelharten Schnee. Konkurrenz und Experten sind geschockt, an diesem 5. Dezember 2009. Er sprang zwölf Meter über die Hillsize, jenen Punkt einer Skisprungschanze, ab dem das Gefälle des Hügels so flach wird, dass die Jury verkürzen muss, sobald er übersprungen wird. "Diesen Sprung kannst du nicht stehen", schreit Kogler.

Drei Jahre zuvor war Schlierenzauers Stern genau hier aufgegangen. In der Saison 2006/2007 gewann der 16-jährige Sportler aus Fulpmes in Tirol in Lillehammer sein erst drittes Weltcupspringen. Trainer und Betreuer aller Nationen erkannten sofort das Talent. Absprung und Flugphase seiner Sprünge wurden ehrfürchtig besprochen. In so manchen Aufwärmräumen und Wartehäuschen wurde er tuschelnd mit der Legende Matti Nykänen verglichen. Der damalige Cheftrainer der Schweizer, Werner Schuster, sagte in einem Interview: "Wenn alle immer die gleichen Bedingungen und das gleiche Material haben, gewinnt immer Gregor Schlierenzauer." Kurz, die Fachwelt des Sprungsport war sich einig: Hier kommt einer, der nur ganz schwer zu schlagen sein wird.

Erwartungen erfüllt

Und Schlierenzauer erfüllte alle Erwartungen. Vielleicht liegt auch genau hier das Besondere am Phänomen Schlierenzauer. Zu oft wurde Skispringern eine große Karriere beschienen, zu oft konnten sie dem Druck nicht standhalten. Doch Schlierenzauer begann fortan zu gewinnen. 2008 holte er bei seinem ersten Skiflugbewerb den Weltmeistertitel als jüngster Springer aller Zeiten. In derselben Saison – es war seine erste zur Gänze gesprungene - wurde er auf Anhieb Gesamtweltcup-Zweiter. Nur der Österreicher Thomas Morgenstern sollte vor ihm liegen – noch.

Denn schon ein Jahr später hatte Schlierenzauer sowohl Sprung-, als auch Flugweltcup in der Tasche. Es wurde ein Winter der Superlative. Am 10. Jänner 2009 verbesserte er den Schanzenrekord von Sven Hannawald auf dem Kulm, der größten Naturschanze der Welt, auf unglaubliche 215,5 Meter. In Lillehammer musste er bei 150,5 Metern stürzen. Am 25. Jänner 2009 gewann er das Springen auf der Olympiaschanze in Vancouver mit Rekordweite. Wie weit der Sprung genau war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, denn Schlierenzauer sprang über den Bereich der Videoweitenmessung.