Wengen. Exakt 800 Weltcuppunkte. So viele - oder besser: so wenige - hat das einst beste Skiteam der Welt im heurigen Winter gesammelt. Die Rede ist von den Schweizer Ski-Herren, die damit zusammen weniger Punkte auf dem Konto haben als der beste Österreicher in der Wertung: Marcel Hirscher hat nämlich bereits 801Zähler geschafft. Und wenn das kritische Schweizer Publikum, das sich an die seit Jahren bestehende Misere der Eidgenossen schon gewöhnt zu haben scheint, derlei Vergleiche mit den Weltbesten einfordert, dann bei den Heimrennen am Lauberhorn in Wengen. Daher stehen - insbesondere beim Abfahrtsklassiker am Samstag (12.30 Uhr/ORFeins) - Carlo Janka und Beat Feuz mächtig unter Druck.

Und damit wären nicht nur die zwei heißesten, sondern alle Eisen im Schweizer Ski-Team schon genannt. Denn aus den vor Jahren ob der Verletzungsseuche zu Kummerbuben umgetauften Ski-Athleten mit dem weißen Kreuz ist ein kümmerlicher Rest an Spitzenfahrern geworden. Janka, seines Zeichens Olympia- und Ex-Gesamtweltcupsieger, hat es heuer in den Überseeabfahrten gerade einmal auf zwei fünfte Plätze gebracht. Feuz hat heuer überhaupt noch kein Resultat stehen, nachdem er sich im Sommer einen Teilabriss der Achillessehne zugezogen hatte; in Wengen steht damit sein Comeback an, bei dem ein Sieg freilich illusorisch ist.

Dabei ist es noch kein Jahr her, dass die Schweizer Herren dem Jammertal entstiegen schienen: Just in der Königsdisziplin gelang ihnen in Beaver Creek fast der totale WM-Triumph: Gold für Patrick Küng, Bronze für Feuz. Eine Sternstunde, die aber nicht die ersehnte Trendwende einläutete, sondern als rasch verpufftes Strohfeuer kategorisiert werden kann. Der Weltmeister musste übrigens soeben die Saison beenden, wegen anhaltender Schmerzen in der Patellasehne. Ihm gleich tat es ein anderer hochdekorierter Schweizer: Kombinations-Olympiasieger Sandro Viletta muss aufgrund einer Knochenprellung passen. Ein anderer Olympiasieger, Didier Défago, kann auch nicht mehr einspringen - er ist vergangenen Winter zurückgetreten. Und somit wäre fast das gesamt eidgenössische Speed-Potenzial erschöpft.

Vielversprechende Nachwuchskräfte, die bei der Heim-WM 2017 in St.Moritz mithelfen könnten, ein Medaillen-Desaster wie bei den Titelkämpfen 2003 zu verhindern, sind auch nicht wirklich in Sicht. Wenn, dann gibt es nur in den technischen Bewerben den einen oder anderen Lichtblick: etwa Luca Aerni mit Rang fünf im Madonna-Slalom oder Ramon Zenhäusern mit Laufbestzeit zuletzt in Adelboden. Trösten dürfen sich die Skifans aber derweil mit den Leistungen des Damen-Teams in Person von Weltcup-Leaderin Lara Gut, die schon vier Saisonsiege eingefahren hat.

Doch nicht wegen Gut reden die Schweizer Medien schon nicht mehr von einer Ski-Krise: "Wenn ein Zustand wiederholt eintritt, sollte nicht mehr von einer Krise gesprochen werden, sondern von Normalität", konstatierte die "NZZ" messerscharf, die wenn, dann eine Systemkrise diagnostiziert. So würden - anders als in Österreich - zu viele Talente auf dem Weg nach oben verloren gehen. Und auch der Wechsel des Alpindirektors - der Österreicher Rudi Huber wurde durch Stéphane Cattin ersetzt - habe Zeit und Know-how gekostet.

Kombination an Jansrud

Zumindest der Auftakt der 86.Lauberhorn-Rennen brachte für die Eidgenossen am Freitag ein halbwegs akzeptables Ergebnis: Während Vorjahressieger Janka im Slalom ausschied, fuhr Marc Gisin auf Rang sechs. Den Sieg machten sich wieder einmal die Norweger aus: Kjetil Jansrud setzte sich hauchdünn vor Aksel Lund Svindal (+0,04) durch; bester Österreicher wurde Romed Baumann als Achter. Die Mammutaufgabe, die Norweger vielleicht in der Abfahrt in die Schranken zu weisen, fällt aus österreichischer Sicht Hannes Reichelt zu. Der 35-jährige Salzburger stand in den vergangenen vier Abfahrten in Wengen immer auf dem Stockerl - im Vorjahr sogar ganz oben. "Ich mag die Abfahrt gern, aber es wird schwer, Svindal zu schlagen. Er ist der Gejagte." Doch die Statistik spricht für Reichelt - Svindal hat den Klassiker noch nie gewonnen.

Lauberhorn-Rennen in Wengen:

Ergebnis Kombination:

1. Kjetil Jansrud (Nor)2:37.61

2. Aksel Lund Svindal (Nor) +0,04

3. Adrien Theaux (Fra)+ 0,13

Abfahrt Samstag, 12.30 Uhr

Slalom Sonntag, 10.30/13.30 Uhr