"Wiener Zeitung": Herr Wirnsberger, Sie haben vor genau 30 Jahren innerhalb von 24 Stunden gleich zwei Mal auf der Streif gewonnen. Das ist überhaupt nur fünf Fahrern gelungen. Was sind Ihre Erinnerungen an diese Sternstunde?

Peter Wirnsberger: Schön für die Statistik, das sind meine Erinnerungen.

Aber es waren doch zwei ganz besondere Tage. "Es ist wie ein Traum, den man sich nicht zu träumen traut", sagten Sie damals.

Für Rennläufer ist jeder Tag wichtig. Aber man lebt nicht in der Erwartung, dass so etwas passieren kann. Man gibt sein Bestes und schaut, dass man schnell ist. Jetzt im Nachhinein ist es schön, weil die Statistik bleibt - bis sie dich eingraben.

An Ihr Kitz-Double erinnern sich viele noch heute, nicht ganz so viele an Ihr Olympiasilber im fernen Übersee. War Kitzbühel auch für Sie bedeutsamer?

Das würde ich nicht sagen. Denn wer hat schon eine Olympiamedaille? Da bin ich sehr, sehr zufrieden.

Warum hat es nachher nicht mehr für ganz oben gereicht - immerhin fuhren Sie noch bis 1992?

Genauso wenig wie man weiß, wann man gewinnen kann, genauso wenig weiß man, warum man es nicht mehr kann. Was passiert, kann man nicht beeinflussen, denn alle anderen wollen auch gewinnen.

Kommen wir zur Streif: Was dachten Sie, als Sie als junger Fahrer das erste Mal im Starthaus standen und Richtung Mausefalle blickten? Einige machen da ja wieder kehrt.

Das kann ich genau sagen. Und es war nicht nur beim ersten Mal, sondern es war jedes Mal, wie ich in Kitzbühel oben gestanden bin!

Und zwar?

Ein grausliches Wort mit "Sch" hab ich zuerst gesagt. Und dann habe ich gesagt: "Bow, ist des sch...teil!" (lacht)

Bei ihrem Streif-Debüt als 18-Jähriger sind Sie sogar Sechster geworden. Wie war so etwas möglich auf der schwierigsten Abfahrt der Welt, wo Erfahrung wie nirgendwo anders zählt?

Wenn man das erste Mal oben wegfährt, ist die Angst einfach weg - zumindest war sie bei mir weg. Und nach der ersten Fahrt weiß man, aha, so geht das, ich kann das. Dann geht es nur noch um die Hundertstel. Natürlich ist man immer auf der Messers Schneide, ob es gelingt oder nicht.

Welche war damals für Sie die gefährlichste Passage: Mausefalle, Steilhang, Hausberg, Traverse, Zielsprung?

Genau wie Sie es aufgezählt haben. Alle sind gefährlich! Alle sind technisch schwierig. Alles hängt davon ab, welches Risiko man bei der Einfahrt in eine solche Passage eingeht. Und es ist immer knapp, sonst kann man nicht um die schnellste Zeit fahren.

Apropos Sprünge: Zu Ihrer Zeit gab es beim Zielsprung noch eine Weitenmessung. Sie hätten das auch gerne bei der Mausefalle gehabt. All das wurde später abgedreht.

Das Gleiche war mit den Geschwindigkeitsmessungen, die immer dort gestanden sind, wo es nicht am schnellsten war. Wenn ein Rennläufer ein gewisses Tempo fährt und eine gewisse Sprungweite erzielt, warum kann ich das dann nicht zeigen?

Keiner würde absichtlich weiter springen und so mehr riskieren.

Niemand! Jeder wird schauen, so kurz wie möglich zu springen.

Zur Ihrer Zeit sind selbst gestandene Fahrer bei Stürzen wie Puppen herumgewirbelt worden. Ist es im Nachhinein nicht ein Wunder, dass es mangels Netzen und Sturzräumen nie ein Todesopfer auf der Streif gegeben hat?

Ich kann mich nur an ein Todesopfer erinnern - das war Gernot Reinstadler 1991 in Wengen. Der ist nicht verunglückt, weil keine Sicherungsmaßnahmen dort waren, sondern weil welche dort waren. Allerdings dem Stand der damaligen Technik entsprechend nur ein Netz. Später gab es dann Netze und Abweisplanen.

Was war Ihr kritischster Moment in Kitzbühel?

Gleich bei der allerersten Fahrt im Training. Da standen an der Steilhangausfahrt noch Strohballen, die übereinandergestapelt waren. Im Ziel hatte ich dann Stroh auf den Schnallen, so knapp war das.

Ein Schock zur richtigen Zeit, schließlich ist nachher nie wieder etwas passiert?

Von dem hängt das nicht ab. Wenn man sagt, ui das war jetzt knapp, und fährt nicht mehr voll, dann hat man den falschen Sport gewählt.

Sie haben alle Abfahrtsklassiker - von Gröden über Wengen bis Garmisch - gewonnen. Gibt es eine Strecke, die Sie gerne nochmal fahren würden?

Ich möchte nirgends mehr gern wieder fahren! (lacht) Wenn ich nochmal 20 wäre, würde ich mich aber mit Freude wieder hinstellen.

Aber hobbymäßig sind Sie sicher noch unterwegs.

Runterfahren tu’ ich schon - aber mit Schwüngen. Auch die Streif ist immer ein Erlebnis, weil man sich erinnert, wie die Streckenführung wäre, würde man sie im Renntempo fahren. Aber es ist eine andere Welt.

Sie waren mit 151 absolvierten Abfahrten lange Zeit Rekordhalter, haben erst mit 33 aufgehört. Haben 16 Jahre Spitzensport ihre Spuren am Körper hinterlassen?

Mir geht es sehr, sehr gut. Ich muss gleich auf Holz klopfen.

Sie galten im Skizirkus als ausgesprochener Schmähbruder. Warum haben Sie keine TV-Karriere à la Armin Assinger oder als Trainer angestrebt? Sie sind lieber Unternehmer geworden.

Ich habe sogar die volle Trainerausbildung gemacht. Doch dann dachte ich mir, ein solches Zigeunerlieben will ich lieber nur als Aktiver und nicht als Betreuer führen. Irgendwann war es für mich genug mit der Weltreiserei.

Was werden Sie sich denken, wenn Sie am Samstag vom Zielstadion Richtung Hausberg blicken?

Es ist immer noch gleich steil wie damals!