St. Moritz. 100 Prozent geben. Bei einer Ski-WM, noch dazu in der Königsdisziplin Abfahrtslauf, will und muss jeder Athlet alles abrufen. Zwischen Wollen und Können klafft aber bekanntlich oft ein gewaltiges Loch. In St. Moritz kommt am Samstag (12 Uhr) beim Höhepunkt der Ski-Titelkämpfe ganz sicher jeder auf diese 100 Prozent. Zwar nicht an Leistung, dafür an Neigung. Denn der Starthang der Corviglia, der den bezeichnenden Namen "Freier Fall" trägt, weist exakt 100Prozent Gefälle auf. Wer jetzt Angst hat, Hannes Reichelt und Co. müssten sich harakirimäßig senkrecht in die Tiefe stürzen, dem sei erklärt, dass man von der Lotrechte noch recht weit entfernt ist, sind das doch umgerechnet nicht 90, sondern "nur" 45 Grad (siehe Geodreieck).

Dennoch, für geübte Skifahrer ist das im doppelten Wortsinn richtig steil, was der Startschuss auf 2840 Metern Seehöhe zu bieten hat. Zumal die Veranstalter die anspruchsvolle, aber nicht zu den Klassikern zählende Strecke mit zwei Superlativen bewerben: Im gesamten Ski-Zirkus gibt es keine steilere Passage als jene; und nirgendwo sonst beschleunigen die Fahrer derart rasant am Start - konkret sind es nach nur 6Sekunden 140 km/h.

Das macht sogar der Königsklasse des Motorsports Konkurrenz: Ein Formel-1-Auto beschleunigt in 2,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h und auf 200 km/h in 5Sekunden. Einen derartigen Katapultstart ins Renngeschehen gab und gibt es nicht einmal auf den klassischen Abfahrten von Bormio und Kitzbühel mit schwindelerregenden Starthängen: Die Stelvio (bis 2014 im Programm) rühmte sich lange Zeit, mit 63 Prozent Neigung (32 Grad) den steilsten Start im Weltcup-Zirkus zu bieten; auf der Streif wiederum brauchen die Fahrer ganze 8,5 Sekunden, um von 0 auf 130Sachen zu beschleunigen. Dass es dort mit der Mausefalle die vielleicht gefürchtetste Stelle im Weltcup zu bewältigen gilt (statt wie in St.Moritz ziemlich kommod weiterzugleiten), relativiert die Pistensteilheit als alleiniges Kriterium und verlangt daher einen näheren Vergleich.

Mausefalle: Wer jemals von oben an der Kante in diesen schaudernden Abgrund geblickt hat, kann sich nur schwer vorstellen, dass es im Weltcup noch steiler geht. Doch Überraschung, Überraschung: Mit 85 Prozent (40,4 Grad) ist die steilste Passage der Streif - die Hausbergkante hat nur 69 Prozent - doch recht weit von der Konkurrenz entfernt. Den Mythos machen neben der gewaltigen Neigung der plötzlich auftauchende weite Sprung, das hohe Tempo und die Last der Geschichte aus - mit den vielen Skigrößen, bei denen die Mausefalle unerbittlich zugeschnappt hat.