St. Moritz. Irgendwie wäre es eine große Ungerechtigkeit der Geschichte: Der vielleicht beste, jedenfalls aber konstantest erfolgreiche Riesentorläufer der Gegenwart, der den Grundschwung des alpinen Rennsports noch einmal revolutioniert hat, könnte sich nicht zum Weltmeister in dieser Disziplin krönen. Die Rede ist natürlich von Marcel Hirscher, dem sich am Freitag (9.45/13 Uhr) die möglicherweise letzte Chance auf WM-Gold in diesem Bewerb bietet - nach 20 Weltcupsiegen, drei kleinen Riesentorlauf-Kristallkugeln und bald sechs großen Glasbechern. Doch trotz ausgezeichneter Form stehen dem letzten fehlenden WM-Gold (nach dem Slalom-Titel 2013, jenem in der Kombination 2015 und zwei Mal Teamgold in jenen Jahren) zwei Faktoren entgegen, die das Ganze zur Mission impossible machen könnten: Alexis Pinturault auf der Fahrer-, der Schweizer Sulzschnee auf der Pistenseite.

Gold und Gatsch verträgt sich aus der Sicht Hirschers nämlich ganz und gar nicht. Und ausgerechnet zum Saisonhöhepunkt präsentiert sich in einem der kältesten Winter mit den härtesten Pisten seit langem jene in St. Moritz wieder von der Sonnen- und somit Butterweichseite. Dass das keine Hirscher-Bedingungen sind, weiß mittlerweile jedes Kind zwischen Annaberg und Apetlon. Und wenn es auch diesmal nichts wird, darf man getrost auch von Pech sprechen, wie eine Rückblende beweist: Bei der Heim-WM in Schladming war Ted Ligety mit dem damals wiedereingeführten langen Ski um Längen voraus, weil er auch im nassen Schnee der Planai den größten Druck aufbauen konnte - immerhin blieb Hirscher Silber; im Jahr darauf war die von der subtropischen Sonne aufgeweichte Auflage in Rosa Chutor noch schlimmer zu befahren - Hirscher war mit Olympia-Blech noch gut bedient; und vor zwei Jahren gab es just zur WM in Beaver Creek ähnliche Nassschnee-Bedingungen, die Ligety mit Heimvorteil neuerlich für sich nutzen konnte und das Riesentorlauf-Triple-Gold perfekt machte - für Hirscher gab es wieder nur Silber in dessen bester Riesentorlauf-Saison.

Letzter Titel durch Maier 2005

Während der einstige Dauerrivale aus den USA wegen einer Rückenverletzung den Titel heuer fix abgeben muss, liegt Hirschers Hoffnung möglicherweise in Garmisch - zum einen, was seinen jüngsten Sieg im Weltcup betrifft, zum anderen, was jenen anno 2015 anlangt. Damals zertrümmerte er nämlich förmlich die Konkurrenz mit einem Vorsprung von 3,28 Sekunden - und zwar nicht auf Eis, sondern dem tiefsten Gatsch, den man sich vorstellen kann. Es könnte also mit perfektem Set-up doch möglich sein, in die großen Fußstapfen der rot-weiß-roten Riesentorlauf-Champions Toni Sailer (1956/1958), Egon Zimmermann (1962), Karl Schranz (1970), Rudi Nierlich (1989/1991) und Hermann Maier (2005) zu treten.