St. Moritz. (may) Am Ende sank der neue Champion mitten auf dem Siegespodest auf die Knie. Nicht aus Demut, nicht aufgrund eines Rituals, sondern einfach, weil er völlig ausgepumpt war. Marcel Hirscher hat am Freitag im vierten WM-Anlauf endlich das ersehnte Gold im Riesentorlauf geholt - nach Rang vier 2009 und jeweils Silber bei den Titelkämpfen 2013 und 2015. Der 27-jährige Salzburger setzte sich in einem hochgradig spannenden Rennen auf der Corviglia in St.Moritz 25 Hundertstel vor seinem Lands- und zugleich Sensationsmann Roland Leitinger durch, der noch nie zuvor im Weltcup aufs Stockerl gefahren war - so wie auch der zweite Überraschungsmann, Bronze-Gewinner Leif Kristian Haugen aus Norwegen. Der totale Triumph in Rot-Weiß-Rot wurde nur hauchdünn verpasst, da Philipp Schörghofer - Zweiter nach dem ersten Lauf - im Finale den unteren Teil verbremste und letztlich nur enttäuschter Fünfter wurde.

Beim zuvor letzten Riesentorlauf-WM-Titel für Österreich gab es 2005 in Bormio übrigens auch einen Doppelerfolg: Hermann Maier siegte vor Benjamin Raich - mit ebenso 25 Hundertstel Vorsprung.

Das Siegerfoto beweist, dass es nicht unbedingt der Tag der Favoriten war: Saison-Dominator Alexis Pinturault landete als Siebenter (+0,98) überraschend im geschlagenen Feld - ebenso wie Val-d’Isère-Gewinner Mathieu Faivre (9./+1,05), Henrik Kristoffersen (4./+0,76) und Felix Neureuther (16./+1,62). Doch es waren keinesfalls die äußeren Bedingungen, die abgesehen vom Triumphator ein so konträres Ergebnis zum bisherigen Weltcup-Verlauf bewirkten. Der gefürchtete Schweizer Sulzschnee war am Freitag kein Problem, weil es kälter geworden war, die Piste vereist werden konnte und sich zudem die Sonne im Laufe des ersten Durchgangs verzog. Im Finallauf setzte zwar leichter Schneefall ein, der sich jedoch nicht wirklich im Ergebnis niederschlug.

Dennoch war es für Hirscher am Ende ein Zittersieg, weil Landsmann Leitinger nach Rang sechs im ersten Durchgang eine Fabelfahrt mit Laufbestzeit hingelegt hatte, an der alle zerbrochen sind - nur der Leader nicht. "Bist du deppert, anstrengend und sauschwierig war’s. Ich bin oben gut gefahren, habe dann ordentlich verloren und gewusst, ich muss jetzt alles geben", resümierte Hirscher. Dabei habe er während der Fahrt zunächst geglaubt, oben seinen ganzen Vorsprung schon verspielt zu haben. "Sei’s wie es sei. Weltmeister, juhu!"

Es war der dritte WM-Einzeltitel für den Annaberger - nach Slalom-Gold in Schladming und jenem in der Kombination in Beaver Creek; zudem darf er sich zweifacher Team-Weltmeister nennen. Insgesamt hält er nun bei acht WM-Medaillen - damit zog er vor dem abschließenden Slalom am Sonntag mit Österreichs Rekordhalter Toni Sailer gleich.

Doch Hirscher, der sich sonst meist allein im Rampenlicht sonnen darf, musste an diesem Tag die Aufmerksamkeit mit seinem 25-jährigen Landsmann teilen, der zuvor einen sechsten Rang 2015 in Sölden als bestes Ergebnis zu Buche stehen hatte. Danach wurde Leitinger immer wieder durch Verletzungen gebremst - erst jüngst durch eine Schuhrandprellung in Garmisch. "Halleluja, Oida!", entfuhr es ihm bereits nach der Zieldurchfahrt, wissend, dass diesmal seine große Stunde schlagen könnte. "Mir ist der Lauf voll aufgegangen, es ging eigentlich ganz leicht. Und unten im Flachen habe ich meine Stärke voll ausgespielt", analysierte Leitinger.

Showdown im Slalom


Hirscher gilt nun auch am Sonntag (9.45/13 Uhr) als Top-Favorit auf die Goldmedaille, zumal er anders als Slalom-Dauerrivale Kristoffersen bereits Gold und Silber in St. Moritz geholt hat und entsprechend gelöst in den Abschlussbewerb gehen kann. Anders der 22-jährige Norweger, der am Freitag wie 2015 Blech einfuhr und weiter auf seine erste WM-Medaille warten muss.

Herren-WM-Riesentorlauf:

1. Marcel Hirscher (Ö) 2:13,31

2. Roland Leitinger (Ö) +0,25

3. Leif Kristian Haugen (Nor) +0,71

4. Henrik Kristoffersen (Nor) +0,76

5. Philipp Schörghofer (Ö) +0,85

Herren-Slalom Sonntag, 9.45/13.00 Uhr

ÖSV-Aufgebot: Marcel Hirscher, Marco Schwarz, Manuel Feller, Michael Matt